Nachlese Rhönflüsterer-Tour

10.07.2011 20:34 9 Kommentare

"Wenn du mit der Herde gehst, läufst du nur den Ärschen hinterher!" Mit diesem Zitat empfing mich mein Freund, Rhön-Indiander und Biobrotbäcker Christof Gensler zum Frühstück anlässlich unseres ersten von vier Wandertagen. Und diese Worte haben mich vier Tage lang intensiv beschäftigt...

Ja, und deshalb tun wir das ja auch. Jedes Jahr vier Tage Rhön intensiv. Vier Rhöner (Journalist Alex, Kelter-Kollege Harald, Schnaps-Destillen-Chef Conny und ich) machen Aktiv-Urlaub in ihrer eigenen Region.  O.k., die erste Nacht habe ich in einem seiner mittlerweilen legendären Tipis verbracht. Das ist schon mal alles andere als Mainstream. Jetzt tut mir das Kreuz weh. Das liegt aber nur daran, das ich noch nie im Schlafsack auf Holzbrett schlafen konnte. Aber das Bio-Frühstück entschädigt mich dafür. Supergenial. Danke, lieber Häuptling "Backender Bär"! Bist eben anders als alle anderen!

Wenn du vier Tage durch deine eigene Heimat läufst, dann ist das auch anders. Du bist nicht ganz so entspannt. Das liegt vielleicht auch daran, das du nur allzu oft erkannt wirst. Der Wirt vom Schweinfurter Haus am Gangolfsberg (unserer ersten Hütte) fragt dann auch meine Wanderfreunde "...ob das der Most-Krenzer ist". Bin ich etwa aufgefallen? Aufgefallen, weil ich direkt nach Sonnenaufgang mit meinem Duschhandtuch den Morgentau von seiner Bank vor der Hüttentüre entferne und mich mit meinem Netbook dort breit mache. Und ich habe sogar Netz! Es ist der schönste Morgen unserer Tour. Alles schläft noch. Ich bin hellwach. Wach, weil es hier mitten in der Natur einfach so geil ist. Und entspannend. Und was für ein toller Ausblick ins Streutal. Obwohl meine Füße schon wieder Blasen werfen.

Es ist kein Zufall. Denn es ist der 17. Juni. Das war früher - ganz früher für viele - mal im Westen unserer Republik ein Feiertag. Viele haben das längst vergessen. Und an diesem ehemaligen Tag der Deutschen Einheit laufen wir vom Schweinfurter Haus nach Oberelsbach und landen direkt bei einem Bierbrauer. Aber nicht irgendeinem. Es ist der Pax-Bräu. Ein echter Rhöner "Selfmade-Brauer". Motto: Trinken für den Frieden! Kernaussage: Lasst uns Schwerter zu Zapfhähnen machen! Das sind wir mit dabei, ohne Frage. Toller Typ, klasse Bier. Und es gibt natürlich Nachschlag. Aber wir müssen weiter. Zum Neustädter Haus unweit des Kreuzbergs. Noch über 20 Klilometer.

Das Durchschnittsalter der Hüttengäste sinkt hier an diesem Abend rapide. Sagen wir mal zur "Vorhütte" Schweinfurter Haus um 50 Jahre. Das liegt an der Studentengruppe, die heute hier zu Gast ist. Der Abend gerät leider etwas ausser Kontrolle, weil die Hüttenwirtin nebst Tochter wahnsinnig gut alkoholische Getränke verkaufen können, besonders an uns...

Am nächsten Morgen bin ich auch wieder der erste, der lange vor dem Frühstück appetitlos in der Hütte sitzt. Denn diesmal regnet es. Die geologische  Studentengruppe (darunter einige wirklich süße Mädels) hört jetzt folgende Ansage der Hüttenwirtin: "2 Brötchen für jeden! Brot gibts auf Nachfrage! Kaffee läuft durch! Eier sind wachsweich!" Na ja, ist schon hart, das Hüttenleben. Zumindest für StudentInnen. Meine Brötchen und meinen Kaffee gebe ich heute morgen gerne ab. Mit einem Augenzwinkern verabschiede ich zwei Mädels, denen es trotz dieser Härte sehr gut gefallen hat. Frauen sind eben tough!

Es geht in strömendem Regen weiter. Zur Gemündener Hütte (da ist heute Privatfeier) zum Kreuzberg. Ich glaube, es ist das erste Mal in meinem Erwachsenenleben, das ich dort oben kein Bier trinke. Von dort über die Kissinger Hütte auf den Feuerberg - Zwischenstation auf dem Weg zum Würzburger Haus. Über die Kissinger Hütte schreibe ich lieber nichts. Doch. Eines muss ich loswerden. Die junge Abiturientin, die uns bedient, hat wirklich Potenzial. Wenn sie ins richtige Team kommt. Denn wie heißt es so schön? "Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken..."

Auf die Übernachtung im Würzburger (Karl-Straub) Haus habe ich mich wahnsinnig gefreut. Noch nie habe ich hier bisher geschlafen. Und der Sonnenuntergang ist bei diesem Regen-Sonne-Regen-Sonne-Szenarion phänomäähhhnal. Übrigens: Wir haben alle an diesen vier Tagen ausschliesslich "Wild" gegessen. Aber nicht aus Absicht. Es hat sich so ergeben. Es gibt hier in den Schwarzen Bergen und überhaupt in der Rhön viel zu viel davon. Das Wildragout im Würzbuger Haus ist wirklich gut. Und der Hüttenwirt schiesst und metzgert selbst. Die vierköpfige Wandertruppe aus Burgsinn (die sind heute knapp 35 Kliometer gelaufen) hält es auch länger aus als wir. Ich liege im Bett - draussen ist es noch hell. Das nennt man dann wohl Hüttenruhe. Entspannung stellt sich lammsam ein...

Der nächste Tag führt uns über Römershag bei Bad Brückenau über den Volkersberg zu unserem Ziel nach Speicherz. Dort wollen wir noch die Hagebuttenweine des geschätzten Kollegen Ziegler probieren. Unser erster Stop - das Berghaus Rhlön - ist um 9.30 Uhr noch geschlossen. Und das an einem Sonntag. Wir sind definitiv zu früh losgelaufen... Auch bergab in Riedenberg haben wir kein Glück. Dort sind die Wirtshäuser nur noch sporadisch geschlossen (also immer nr dann, wenn durstige Wanderer vorbeiziehen). Ein Wandersonntag ohne kleinen Frühschoppen ? Das geht ja gar nicht!

Um 11.17 Uhr stehe ich vor dem Gasthaus Breitenbach in Römershag. Meine Freunde sind schon hineingelaufen. Ich lese mir den Speisekartenaushang durch. Berufskrankheit. Dann kommen mir zwei Damen mittleren Alters (was immer das auch heißen mag) entgegen. Folgender Kurzdialog spielt sich jetzt ab: "Wir können Ihnen hier alles empfehlen!" Ich: "Auch das Bier?" Die Damen: "Keine Ahnung, wir machen hier eine Fastenkur!" Und tatsächlich, das Bier aus der nahegelegenen Mottener Brauerei wird hier ordentlich gezapft und schmeckt vorzüglich. Das war während unserer Tour nicht so häufig der Fall. Jeder Brauer kennt den Spruch: "Mit Liebe gebraut - am Zapfhahn versaut!" Die Festtagssuppe ist ein Gedicht. Es gibt sie tatsächlich noch, die gute Rhöner Rindfleischbrühe. Sie ist noch nicht ausgestorben. Hätte ich mir doch statt der Wildbratwürste lieber noch einen zweiten Teller bestellt...

Nach Ankunft im Hagebutten-Gasthof "Zum Bieber" in Speicherz (wird wirklich sehr oft mit Seiferts verwechselt) ist klar: Die mittlerweile fünfte Rhönflüsterer-Tour ist zu Ende. Ich habe zum Schluß nach ausführlicher Beobachtung die Marotten unseres Wanderfreundes Conny (Konrad Schwab, Geschäftsführer der Schlitzer Destillerie) in folgendes Fazit nach dem uns wohl allen  bekannten amazon-Prinzip umgewandelt:

Menschen, die nach einer Wanderung alkoholfreies Weizenbier trinken, essen auch nur den Deckel vom Brötchen. Und meiden nasse Sitzgarnituren. Ausserdem machen sie sich den Senf auf die Bratwurst, bevor sie diese probiert haben und bestellen gerne Tagessuppe für alle. Na denn, auf ein Neues!

 

 

 

 

 

 

 

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  1. 12.07.2011 09:54 Moritz
    "Häuptling Backender Bär" - Genial!
  2. 12.07.2011 18:37 Proseccojule
    Wie immer - genial! Es macht einfach Spaß den Blög zu lesen!

    Grüße aus Frankfurt
  3. 13.07.2011 15:40 Jürgen
    DANKE! für die positive Kritik...
  4. 13.07.2011 21:06 Thomas Rösch
    Hallo lieber Jürgen,

    ich kann dich/euch nur bestätigen: Urlaub zuhause ( ca. eine Stunde Fahrzeit von zuhause) ist ein Erlebnis und Anreisetag und Abreisetag sind zusätzlich zwei Tage Urlaub. Ich war gerade drei Nächte (also fünf Tage ) mit meiner Frau in der Rhön und wir haben rotes Moor, Gugaisee und Enzianhütte zum erstenmal angelaufen. Einfach schön!
    Also für alle zum nachmachen. Hütten gibt´s auch in der Rhön. Grüße ins Rhönschafhotel und an euer Team, Thomas
  5. 14.07.2011 21:39 Jürgen

    Lieber Thomas,
    Dein Text im letzten VorOrt-Newsletter zu diesem Thema finde ich klasse!
    Spontan fällt mir dazu diese Geschichte ein: Im Jahr 1991 (!) habe ich mich mit meiner Freundin für 2 Tage auf dem Dreistelz-Berg bei Bad Brückenau eingemietet. Wir hatten drei tolle Tage (du hast ja automatisch mangels langer Anreise immer einen Tag määhr). An unserem letzten Abend kam eine Gruppe Einheimischer aus Bad Brückenau auf den Berg gelaufen. Und wir hatten aufgrund nicht ausreichender Sitzmöglichkeiten in diesem - auch heute noch empfehlenswertem Lokal - "Rhön-Kontakt". Als diese dann hörten, wo wir herkommen (also gerade mal 40 Autominuten entfernt) konnten die es nicht fassen. Ich werde bis heute nicht vergessen, das mich damals eine junge Frau, dich ich anfangs auch sehr sympathisch fand, für absolut bescheuert erklärte...

  6. 19.10.2011 13:54 Neustädter Haus Team
    Sehr geehrter Herr Krenzer,
    leider gelingt es mir erst jetzt einen Kommentar zu schreiben.

    Wir das Neustädter Haus wurden im Mai 2011 von den Profi- Kritikern der Gastro Gold Europa mit Sitz in München mit der Goldmedaille ausgezeichnet und zahlreiche Gäste - das ganze Jahr über - stimmen dieser Auszeichnung zu. Die von Ihnen besagte Studentengruppe kam von einer Technischen Universität und war in der Rhön zusammen mit Ihrem Professor zu einer Expedition unterwegs - also im vergleich zu manch Anderen nicht zum übermäßigem Alkoholgenuss.....

    Grundsätzlich müssen unsere Gäste nicht HUNGERN und auch nicht DÜRSTEN und werden von uns mit Leidenschaft für den Beruf und Engagement mit tollen Produkten aus der Rhön und deutschen Landen verwöhnt.

    Unser Wild wird quasi vor der Haustüre erlegt und gelangt im ganzen Stück zu uns in die Küche - daher auch die Kooperation Rhöner Wild von Rhöner Jägern. Möglicherweise lag aber das nicht erwähnen dieser Umstände einfach nur an einer gewissen, sagen wir mal überaus subjektiven Wahrnehmung. Denn wir sind weder ein Kasernenhof noch eine "Ballermann"-Hütte wie von Ihnen dargestellt sondern eher eine mit Niveau.

    Mit kollegialen Grüßen vom Neustädter Haus
    S.Kneipp
    Fachwirtin im Gastgewerbe
    Neid muss man sich eben hart erarbeiten
  7. 26.10.2011 22:10 Jürgen
    Hallo, liebe Frau Kneipp (eigentlich waren wir ja mal per "Du", oder zählt das nur auf der Hütte ?),
    habe mir aufgrund des Kommentars noch zweimal meinen Blök durchgelesen. Und kann keine verbale Verfehlung meinerseits feststellen. Und letztendlich wars doch schön bei Euch. Es gab meinerseits keinen Anlass zur Kritik - denn die hätte ich dann schon persönlich geäussert. Das ich meine Beobachtungen auch so subjektiv niederschreibe - das ist meine Natur. Denn so wie alles geschah - ist es auch dokumentiert worden. Live. Subjektiv. Klar. Aber sind wir nicht alle subjektiv ín unseren Wahrnehmungen?

    Wenn ich jetzt genauso angefressen wäre wie Sie/Du, dann könnte ich den Kommentar, das da manche zum übermässigen Alkoholgenuss auf die Hütte kommen, auch übel nehmen. Aber wer sich ärgert, büßt immer nur für die Sünden der anderen.

    Ein schaafes "Vergelts Gott" nach Bayern/Franken
    Jürgen
  8. 05.11.2011 10:10 Neustädter Haus Team
    Hallo,

    ja eigentlich sind wir noch per Du, liebe Bekannte und Gäste haben mich auf deinen Blök aufmerksam gemacht, denn der Beitrag kam -auch wenn möglicherweise nicht beabsichtigt- bei eben diesen wie auch bei mir negativ verfasst rüber und so musste ich eben mal unseren Standpunkt dazu mitteilen.

    Und nun wünsche ich aus dem hart verdienten Urlaub sonnige Grüße nach Seiferts......
    Steffi
  9. 13.11.2011 20:55 Jürgen
    Hallo, liebe Steffi,
    schön, das wir uns immer noch duzen ;-)
    Mein Kommentar war wirklich nicht negativ gemeint - aber ich weiss ja mittlerweile wie wir Menschen ticken. Neulich bei einem Seminar schrieb ich 10 einfache Additionsaufgaben mit Resultat auf eine Flipchart. 10 + 1 = 11 und so. Aber eine davon war 5+ 4 = 8 ! Nun frage ich die Seminarteilnehmer, ob ihnen etwas auffällt? Und alle antorten: Na klar! Ein Ergebnis ist falsch! Niemals antwortet jemand: "Jürgen, 9 Additionen sind richtig!" Woran das wohl liegt? Ergo: Wir sollten immer das Positive sehen. Und davon gibt es bei Euch määhr als genug!
    Schafe Grüsse und noch einen schönen Urlaub - Jürgen

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