Die Geschichte vom Rhöner ApfelSherry

oder "Wie ein neues Apfelprodukt entstehen kann!"

Es ist schon einige Jahre her, doch die Erinnerung an die Entstehung, oder besser die Entdeckung eines "Sherry" aus Äpfeln ist noch so frisch, als wäre es erst gestern gewesen. Ich war wieder einmal in meinen Apfelweinkeller hinuntergestiegen, um Proben aus verschiedenen Weinen zu ziehen. Ein alter Engländer, der damals in unserem Hause zu Gast war, interessierte sich sehr stark für meine Arbeit und bat mich höflichst, doch mal einen Blick "hinter die Apfelweinkulissen" werfen zu dürfen. Kurzerhand nahm ich ihn mit, bot sich doch jetzt für mich wieder einmal die Gelegenheit, meine Englischkenntnisse aufzufrischen. Was er mir über Apfelwein so erzählte, erstaunte mich. Denn ich konnte es kaum glauben, dass es in Südengland regelrechte Apfelweinfabriken gibt und die Engländer das Volk mit dem höchsten Apfelweinverbrauch pro Kopf auf der Welt sind. Apfelwein, besser gesagt der "Cider" ist dort ein Kultgetränk, in Deutschland muss es dies wohl noch werden.

Als besagter englischer Gast den Rhöner Apfelwein probierte, verzog sich seine Miene. Er murmelte etwas von "dry", "sour", für die Übersetzung weiterer Ausdrücke von ihm war mein englischer Wortschatz leider zu klein...

Aber er war sehr höflich und schluckte den frisch vergorenen Rhöner Stoff hinunter. Ich erklärte ihm daraufhin, dass man als Neuling schon zwei bis drei Schoppen braucht, um sich an den urtypischen Rhöner Apfelweingeschmack zu gewöhnen. Dann, so erklärte ich ihm weiter, lässt man aber davon nicht mehr los. Der Gast erwiderte, dass man bei ihm zuhause ganz andere Apfelweine produziere. Ich spitzte die Ohren und erfuhr, daß es süßere und auch alkoholreichere Apfelweine sind, die auf der Insel hergestellt werden. Aber auch spritzige Varianten mit viel Kohlensäure werden hergestellt und sogar in Dosen abgefüllt, es gäbe ein schier unübersichtliches Angebot auf dem Markt. Mich interessierte jetzt besonders die alkoholreiche Variante des Apfelweines, die mein englischer Gast als "Strong Cider" bezeichnete. Er erzählte mir einige Einzelheiten darüber und ich schrieb es auf.

Eine Woche später machte ich mich an die Arbeit:
Zunächst musste ich ganz saure "Holzäpfel" oder gerbstoffreiche Bohnäpfel organisieren. Aus diesen presste ich in mühevoller Kleinarbeit Saft und versetzte diesen mit einer genauestens auf die Säure des Apfelsaftes abgemessenen Zuckermenge. Dann musste eine spezielle Sherry-Hefe zugegeben werden, anschließend stellte ich den Behälter im sehr warmen Gärkeller auf. Gespannt wartete ich auf die - normalerweise nach drei Tagen - einsetzende Gärung, doch es passierte nichts. Frustriert ging ich jeden Tag in den Keller und wieder nach oben. Statt dem erhofften "englischen Apfelsherry" kam aus dem 100-Liter-Fass süß-klebriger Apfelsaft mit ordentlicher Säure. Nach knapp einem Monat hatte ich von den täglichen Enttäuschungen genug. Ich entfernte das Fass aus dem Gärkeller und stellte es vorübergehend in eine nicht benötigte Ecke des Apfelweinlagers, ich wollte später entscheiden, was mit dem für mich wertlosen Inhalt passieren sollte.

So ging ein ganzes Jahr vorüber und es war wieder Herbst geworden. Da wir in diesem Herbst eine sehr gute Apfelernte hatten, und meine Fässer nicht ausreichten, erinnerte ich mich an das vor einem Jahr abgestellte Fass im hintersten Winkel des Apfelweinkellers. "Dieser komische Apfelsaft ist doch bestimmt hinüber" murmelte ich und zog das Fass nach vorne, um den Inhalt dieses Fasses über den Bodenauslauf zu entleeren. Als ich den Hahn öffnete, kam eine bernsteinfarbene, wohlriechende Flüssigkeit heraus, die jetzt in das öffentliche Kanalsystem eingespeist wurde. Die gerade entsorgte Mischung roch sehr angenehm nach Alkohol und Äpfeln, die Flüssigkeit schien klar zu sein. Ich öffnete den Deckel des Fasses. Ein tolles Buket begrüßte mich, der vergorene Apfelsaft lag auf der Hefe, kein Schimmel, keine unangenehmen Nebenerscheinungen konnte ich entdecken. Erst jetzt schloss ich - leider viel zu spät, wie ich später eingestehen musste - den Auslaufhahn. Mutig holte ich ein Glas und probierte einen Schluck des im letzten Jahr missratenen Getränks. Ich war sehr überrascht, mit diesem Geschmack hätte ich nicht gerechnet. Die Flüssigkeit verbreitete zunächst in meiner Nase einen sherryähnlichen Ton, der diesem Produkt letztlich auch den Namen gab. Auf der Zunge entwickelte sich ein feiner halbtrockener Apfelgeschmack, der vollmundig ein ausgeglichenes Verhältnis von Restzucker und Säure offenbarte. Ein idealer Aperitif aus Äpfeln war entstanden. Natürlich ließ ich auch unsere Gäste davon probieren, ich wollte meinen positiven Eindruck einfach nur bestätigt wissen, was auch ziemlich einfach war.

Eigentlich ist dieser "Rhöner Sherry", wie wir dieses Produkt umgangssprachlich nennen, ein Apfeldessertwein, der mindestens 13 % vol Alkohol haben muß. Diese Angabe steht auch auf dem Etikett, denn der Begriff "Sherry" ist genauso geschützt wie andere berühmte Bezeichnungen, zum Beispiel „Champagner". Bei einer Apfelweinprobe gehört dieses Edelprodukt als krönender Abschluss immer dazu.

 

 

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