Mein Babyjahr 2008 Tagebuch Juli - September

Vorsicht beim Lesen dieses Tagebuchs: Jürgen Krenzer kennt keine Grautöne. Er zeichnet bewusst nur in Schwarz oder Weiss. Da klingt vieles manchmal sehr hart und deutlich, ist aber durchaus auch liebevoll gemeint.
So ein Tagebuch soll ja zum Nachdenken anregen. Manche Dinge sind erst anregend, wenn man sich vorher mal aufregt. Deshalb wird oft auch bewusst überzeichnet.

Wie sagte schon Christian Morgenstern: "Verzeiht, wenn Manches Manchen hart hier trifft. Mein Pfeil soll treffen, doch er trägt kein Gift!"

In diesem Sinne viel Spaß beim Online-Schmökern!

...ein süßes Bild oder? Der große Max und die kleine Maxine bei mir auf dem Schreibtisch. Schön, dass wir jetzt so ein großes Büro haben.

Übrigens: Alles wie gehabt. Die aktuellen, gerade eingestellten Beiträge sind fett. Und vorne.

 

Dienstag, 1. Juli 2008

Endlich im Urlaub. In unserer Lieblingsstadt München liegen wir am Isarufer und geniessen das gigantische Sommerwetter. Die renaturierten Isarauen - die mittlerweile bis in die Innenstadt reichen - sind im Sommer ein echtes Highlight. Leider geht es morgen schon wieder zurück, denn wir können ja nicht immer nur in München Urlaub machen. Angesagt sind Naumburg, Freyburg an der Unstrut und der Ostharz. Ich freue mich. Denn nichts ist spannender als Urlaub in Deutschland...

 

Mittwoch, 2. Juli 2008

Um 10.52 geht es mit dem ICE wieder zurück in die Barockstadt Fulda. Drei erholsame Urlaubstage liegen hinter uns. Das EM-Endspiel haben wir in München-Haar mit fachkundigem Publikum in einem schnuckligem Biergarten geschaut. Gott sei Dank gab es keinen Beamer, sondern „nur" einen großen Bildschirm. Da tut dann die verdiente Niederlage gegen besser motivierte Spanier nicht ganz so weh. Und nach dem Spiel war es in ganz München totenstill - bis auf das gewaltige Gewitter, das am Abend über die Stadt zog.

Am nächsten Tag machte ich eine ganz besondere Erfahrung als „Chaffeur" eines Kinderwagens durch die belebte Münchner City. Es nimmt niemand Rücksicht auf mich, als ich Maxines Wagen vorsichtig und zaghaft durch die Menschenmassen am Marienplatz bugsiere. Ganz im Gegenteil. Man wird gerempelt, gestoßen und weggedrückt. Irgendwann verliere ich die Geduld und steuere den Wagen gradlinig, temporeich und konsequent Linie haltend (einige Menschen behaupten jetzt wahrscheinlich, das sei rücksichtslos) und siehe da: Es funktioniert. Ich komme jetzt viel besser voran, die Passanten machen Platz. Sogar die Leute, die an den Straßenecken gedankenverloren und Zigaretten rauchend herumstehen. Manchmal muss man eben Gas geben, um weiterzukommen. Und keinen Milimeter von seiner Linie abweichen. Was bei einem Kinderwagen klappt, trifft bestimmt auch auf das Leben zu. Wenn man einen Kinderwagen steuert, ist man leider auf Rolltreppen und Aufzüge angewiesen. Erstaunlich, wie viele und vor allem welche Menschen diese Techniken zur Förderung der Bewegungsarmut nutzen. Meist junge Leute. Und viele von denen haben schon ordentlich Fett auf den Rippen. Eine verzweifelte Mutter steht in der S-Bahn-Station am Stachus mit Kinderwagen unten an der Rolltreppe und will nach oben. Das ist aber in Deutschland nicht so einfach. Auch im übertragenem Sinne. Weil ja so viele Leute nach unten wollen! Und es gibt nur diese eine Rolltreppe. Sie ruft den Girlies, die gerade die Rolltreppe abwärts benutzen wollen, von unten zu, das sie doch einmal die Treppe laufen sollen - damit sie mit dem Kinderwagen jetzt endlich die Rolltreppe nehmen kann. Doch nichts passiert. Ich muss mich aufregen und will mich einmischen. Doch meine Frau meint, das ich sowieso schon genug Ärger „am Backen" habe, weil ich nicht meine Klappe halten kann. Also höre ich auf meine Frau.

Ich bin wirklich ein leidenschaftlicher Bahnfahrer - und Leidenschaft kommt bekanntlich ja von „Leiden". Bei der heutigen Rückfahrt haben wir wieder das Kleinkíndabteil reserviert. Wirklich eine tolle Sache und meine Kinder geniessen es sehr. Bei über 30 Grad Außentemperatur ist heute - leider wieder einmal - in mindestens zwei Wägen die Klimaanlage ausgefallen. Aber nicht nur das: Man hat das Gefühl, das der Wagen (auch unser Abteil) zusätzlich noch aufgeheizt wird. Als ich mir eine Bionade holen will, stelle ich fest, das es im Bordrestaurant angenehm kühl ist. Dort fühlt sich auch die ICE-Crew pudelwohl. Denn dort stehen alle bei einem Plausch gemütlich beisammen. Währenddessen könnte man bei uns im Abteil schon mal einen Aufguss machen, solche Saunatemperaturen hat es. Eines habe ich auch an diesem Tag gelernt: Wenn man in Deutschland etwas nicht laut, deutlich und unmissverständlich sagt, hört keiner mehr hin. Denn auf meine humorvolle Bemerkung zur ICE-Crew („...na dann gehe ich mal wieder zurück in die Sauna!" reagiert keiner. Im Nachbarwagen sitzen etliche ältere Leute. Denen geht es bei diesen tropischen Temperaturen nicht besonders gut. Doch kein Verantwortlicher tut was. Erst als zwei Frauen sich den Zugchef im wahrsten Sinne des Wortes „vorknöpfen", passiert es. Es wird ab Würzburg wieder kühler...


Freitag, 4. Juli

Gestern sind wir in Naumburg angekommen. Die Domstadt an der Saale ist nach München unser zweites Urlaubsziel. Vor knapp 10 Jahren war ich schon einmal hier. Und auch das Weinstädtchen Freyburg an der Unstrut hat mir damals gut gefallen. Und endlich haben wir es geschafft, Urlaub in der „Toskana des Ostens" zu machen. Was ich bei der Wahl des Übernachtungsortes vergessen hatte, wird mir beim Stadtrundgang klar: Naumburg ist Kulturstadt - Freyburg ist Weinstadt. Jetzt bin ich dummerweise bei der trockenen Kultur gelandet und meine Frau und sogar meine Kinder bestehen auf eine Dombesichtigung. O.k., ich lenke ein. Der Dom ist wirklich beeindruckend. Um ein bisschen mehr zu erfahren, versuche ich bei einer Führung ein wenig zu lauschen. Doch die Dame spricht sehr leise. Ich kann gar nichts verstehen, auch eine Mimik und Gestik existiert nicht. Es müsste doch eigentlich das Größte sein, innerhalb solch eines gigantischen Bauwerks eine Führung mit Vortrag über die letzten 1000 Jahre des Doms zu machen. Die ganze Geschichte des Naumburger Domes ist doch wie ein Krimi. Und in dieser Führung werden emotionslos Zahlen und Epochen aneinandergereiht. Schade. Sehr schade sogar.

Meine Frau erzählt mir später, das alle Teilnehmer einen „Knopf im Ohr" gehabt haben. Deshalb habe die Frau so leise gesprochen. Klar, denke ich. Die haben ja auch Geld für die Führung gezahlt. Und ich nur den Eintritt. Trotzdem eine vertane Chance. Doch ich sollte am nächsten Tag zum Glück genau das Gegenteil erleben...

Das Abendessen nehmen wir im „Bistrorant Bocks" in Sichtweite des Doms ein. Die Königsberger Klopse, die hier mit Leipziger Allerlei und gebratenen Garnelen serviert werden, sind eine kleine Sensation. Die Saale-Unstrut-Weine sind sehr gut, aber leider steigen Sie mir viel zu schnell in den Kopf. Wirklich gut ist auch der Service, den eine junge, engagierte Frau verrichtet. Denn diese ist natürlich, menschenliebend und flink. Und Sie bedient uns draußen unter dem Schirm auch noch bei strömenden Regen wirklich liebevoll. Leider ist sie in der Hierachie dieses Betriebes wohl ziemlich unten angesiedelt. Denn als wir am nächsten Tag wieder dieses Lokal aufsuchen, entdecke ich sie in einer Ecke sitzend beim Serviettenfalten. Und andere, unmotivierte und aufgedonnerte Mädels arbeiten am Gast. Lustlos und desinteressiert. Gott sei Dank kommt dann eine große Gruppe, die die Arbeitskraft der Lustlosen bindet. Und schon haben wir wieder unsere Traumbedienung. Und meine Familie ist richtig happy...

Pünktlich um 14 Uhr sind wir in der Rotkäppchen-Sektkellerei. Ich möchte dort einmal die 45-minütige Führung miterleben. Meine Familie ist einverstanden. Nach den Erfahrungen im Naumburger Dom schaue ich voller Mitleid auf Max und Maxima. Jetzt müssen die nach dem Dom auch noch in die Katakomben der Sektkellerei und eine fachliche Erläuterung der Sektherstellung über sich ergehen lassen. Doch bei dieser Führung sollte ich für mein Leben lernen...

Die bunt gemischte Truppe wird verjüngt durch 5 Damen, die sich bereits jetzt schon in Sektlaune befinden. Es sei ihnen gegönnt. Auch wir Männer trinken tagsüber mal einen über den Durst. Leider bleibt dieses Damenquintett nicht ganz geräuschlos. Es ist nicht gerade die dankbarste Aufgabe für jemanden, der jetzt eine Erlebnis-Führung machen soll. Doch die junge Dame ist eine richtige „Führungs-Kraft". Sie macht alles richtig. Sie ist emotional bei der Sache, redet über die Sektkellerei Rotkäppchen als sei es ihr eigener Laden und ignoriert konsequent die Störenfriede. Und sie bindet von Anfang an unsere Kinder mit ein. Max darf sogar durch ein sogenanntes Mannloch in ein ovales Weinfaß klettern. Ich beobachte bis zum Schluß nur zwei kleine Gruppen: Das Damenquintett und meine Kinder. Während die Damen zum Schluß tatsächlich auch noch zuhören (kaum zu fassen, aber wahr), sind meine Kinder von Anfang bis Ende dabei. Keine Minute war den beiden langweilig. Das die beiden zum Schluss bei der Sektprobe keinen Traubensaft bekommen haben, ist der Schläfrigkeit der Eintrittskassiererin zuzuordnen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, mit Kindern bei einer Apfelweinprobe parallel eine Saftprobe zu machen.

Also kurzum, wann ist ein Vortrag, eine Führung gut? Antwort: Wenn Kinder bis zum Ende mit Begeisterung dabei sind. Auch oder gerade wenn es sich nicht um Kinderthemen handelt. Denn Kinder sind ehrlich und verstellen sich nicht wie wir Erwachsenen. Selbst Höflichkeitsapplaus ist ihnen fremd. Es ist das strengste Publikum der Welt!

Nach einigen Weinproben habe ich ja endlich „meine" Rebsorte im Anbaugebiet Saale-Unstrut gefunden. Es ist der Weißburgunder. Das ist die Rebsorte, die hier alles was sie hat in vollen Zügen ausspielen kann. Spätestens bei der Weinverkostung im vielfach prämierten Weingut Pawis oberhalb von Freyburg bin ich mir da völlig sicher. Da spielte sich eine ganz besondere Szene ab:

Ich probiere im spartanisch eingerichtetem Vorkostungsraum den Weißburgunder Kabinett. Er schmeckt mir. Ein Wein ist dann gut, wenn er dem Weintrinker schmeckt. Mir gegenüber steht ein Typ, so knapp 59 Jahre alt, dem geht es genauso. Er ordert jetzt 15 Kisten a' 6 Flaschen. Immerhin kostet die Flasche hier knapp 9 Euro, doch der 59jährige sieht aus, als hätte er einen dicken Kontokorrent. Ich möchte jetzt eine Kiste für mich privat mitnehmen (der Typ mir gegenüber will diese 15 Kisten übrigens auch privat leertrinken) doch nach Inspektion des Lagerkellers sind nur noch exakt 15 Kisten da. Der 59jährige Jaquarfahrer grinst mich an. Der ist doch tatsächlich nicht bereit, zugunsten seiner Leber mir eine Kiste abzutreten. Ich bleibe ruhig. Denn jede Diskussion mit diesem Menschen bringt ihm eine Bühne, auf der er sich als toller Hecht darstellen kann (es sind noch weitere Menschen in diesem Raum, die unser Gespräch gespannt verfolgen). Und das werde ich nicht zulassen. Trotzdem bekomme ich noch die letzten drei Flaschen aus der Kühlung. Und habe jetzt noch die Gelegenheit, eine davon direkt im Weinberg zu trinken. Da schmeckt eine Flasche Wein übrigens immer noch am besten. Auch wenn man einen Opel fährt...


Samstag, 5. Juli

Auf die Weinwanderung von Naumburg nach Freyburg freue ich mich schon. Und unsere Kinder freuen sich über das überraschende Auftauchen meiner Schwiegereltern. Es ist ein wirklich gelungener Tag. Max darf Fährmann beim Übersetzen der Saale spielen, Mittagessen auf einem Ponyhof und Dampferfahrt auf der Unstrut. Ein originelles Gartenlokal an der Unstrutmündung, das ich wirklich nur empfehlen kann. Alleine die Texte auf der Speisekarte sind einen Besuch wert. Am Abend noch eine Fahrt mit der historischen Ring-Straßenbahn durch Naumburg mit anschließendem Picknick im Park.

Ach ja, am frühen Nachmittag waren wir noch kurz im Herzoglichen Weinberg in Freyburg. Eine nette Frau, die dort die Führungen macht fragt mich vor meiner ganzen Familie, ob ich denn nicht der Jürgen Krenzer sei? Marion, meine Schwiegermutter meint, das man mit mir nirgends mehr hingehen könne. Ich erzähle ihr, das mir vor kurzem ein Regierungsdirektor aus Bayern eine Abschiedsmail aufgrund meiner kritischen Worte zur Rhöner Dachmarke (siehe Tagebucheintrag vom 17. April) geschickt hat. Der will mit mir nichts mehr zu tun haben. Gleichzeitig hat er Auszüge aus meiner Stellungnahme kopiert und an alle Rhöner Landräte weitergeleitet. Dazu schrieb er folgenden Satz, der mich wirklich adelt, da er ja nachweislich nicht gerade von einem "Fan" kommt: „...bedenken Sie, Jürgen Krenzer ist nicht irgendwer. Ihn kennt in der Szene fast jeder!" Das glaubt mittlerweile sogar meine Schwiegermutter...

Montag, 7. Juli

Eine Woche unseres Urlaubs ist schon rum. Oder - positiv formuliert - eine spannende Woche liegt noch vor uns! Wir sind jetzt im Harz angekommen. In Alexisbad. Und sind dort bestens untergebracht bei meinem Kollegen Eddy Wiemann im Hotel Habichtstein. Max ist den ganzen Tag schlapp, ist ein wenig krank. Also legen wir einen Ruhetag ohne festes Programm ein. Schließlich haben wir ja Urlaub. Mal so den ganzen Tag rumgammeln, Bratwurst essen, Kaffee oder Weißbier trinken, den einfahrenden Dampflokomotiven zusehen (unser Hotel liegt gegenüber des historischen Bahnhofs) - das hat ja auch was.

Am Nachmittag haben Sylvi und ich beschlossen, doch noch eine klitzekleine Wanderung zu machen. Unsere beiden „Großen" - also Max und Maxima - haben sich ins Spielzimmer des Hotels zurückgezogen. Ich erkläre beiden, das wir mit Maxine jetzt ca. eine Stunde unterwegs sind und frage beide, ob das o.k. geht. Natürlich habe ich das nette Rezeptionsteam auch informiert. Meine Tochter Maxima - zur Zeit ein echter Wirbelwind - nehme ich mir noch einmal persönlich zur Brust. „Maxima, du hörst bitte auf deinen großen Bruder Max, wenn wir jetzt weg sind!" sage ich. Ihre Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen und zeigt die Lösung aller Konflikte zwischen Führungskräften und deren Mitarbeitern auf: „Ja Papa, das mache ich. Aber nur, wenn der Max auch auf mich hört!" Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen, oder?


Dienstag, 8. Juli

Heute fahren wir mit der Harzer Schmalspurbahn nach Quedlinburg. Sogar dampfbetrieben. Nicht nur die Fahrt ist ein Erlebnis, sondern auch die Stadt. Nicht ohne Grund gehört sie zum Weltkulturerbe der UNESCO. Diese Fachwerkstadt ist über 1000 Jahre alt. In Quedlinburg war ich schon einmal. Vor knapp 10 Jahren. Allerdings habe ich damals nur dort getankt und bin sofort weitergefahren. Ein Fehler, den ich heute zum Glück korrigiert habe. Da ich abends in unserem Berghaus bei der Harzkälte und - nässe nicht mehr wie bei uns in der Rhön barfuss sitzen kann, entscheide ich mich zum ersten Mal in meinem Leben, sportliche Sandalen zu kaufen. Ein Schuhgeschäft ist schnell gefunden und die Verkäuferin ist nett. Schließlich ist das ja ihr Job, werden viele jetzt denken. Aber es kommt noch besser: Als ich bezahlen will, fragt sie mich: „Und, wie gefällt Ihnen unsere Stadt?" Das hat mich weder in meiner Heimatstadt Fulda noch in meiner zweiten Heimat München noch nie eine Verkäuferin gefragt. Ich bin der festen Überzeugung, das viele Menschen in Quedlinburg selbst begeistert von ihrer Stadt sind. Und wenn sie das nicht sind, dann sind sie zumindest begeistert von den begeisterten Touristen. So geht's!

 

Mittwoch, 9. Juli

Da Max immer noch nicht fit ist, lassen wir ihn im Spielzimmer unseres Hotels mit Maxima zurück und machen uns mit Maxine auf eine kleine Tour durch das untere Selketal. Dort entdecken wir den Hammer IV, eine ehemalige Hammermühle. Und dort gibt es ein kleines, schnuckeliges Backhaus mit einer sehr liebevollen Gastronomie, die ausschließlich im Freien stattfindet. Betrieben wird das Anwesen von einem Ehepaar, für das ihr Beruf wirklich Berufung ist. Ich bin begeistert. Und schreibe meine Gedanken dazu am Abend noch mal auf. Denn in jedem Urlaub mache ich mir grundsätzliche Gedanken zur Gastronomie, zu meinem Betrieb und natürlich zur Zukunft. Das kann man am besten, wenn man schon abgeschaltet hat.


Sonntag, 13. Juli

Rückfahrt. Maxine schläft die ganze Fahrt durch. Sensationell. Max hat das vor 8 Jahren zwar auch geschafft, aber leider nicht immer. Da wir die neue A 71 über Meinigen nehmen, bietet sich ein Stop bei Uli & Jens Lilienbecker im Jagdschloß Fasanerie in Hermannsfeld an. Sehr zu empfehlen. Bei diesen beiden Unternehmern verhält es sich ähnlich wie beim Ehepaar von Hammer IV: Sie lieben ihren Job. Das Essen ist superlecker und Maxima bekommt sogar noch extra einen Kartoffelbrei gemacht. Gegen 18 Uhr sind wir wieder zu Hause...


Montag, 14. Juli

Nachdem ich am Sonntagabend zumindest noch im Büro meine Ablage in Ordnung gebracht habe, meine Mails gecheckt hatte und auch sonst festgestellt hatte, das keine Katastrophe während unseres Urlaubs passiert ist, habe ich heute eigentlich noch gar keine Lust auf Arbeit. Wir schlafen auch alle vieeel zu lange. Aber wenn man dann wieder im Büro ist erledigt sich die Frage nach der Lust auf Arbeit ganz schnell. Denn die kommt in Form von Telefonaten von ganz alleine und geht auch so schnell nicht weg. Eigentlich hatte ich am Nachmittag noch mit einem kleinen Familienausflug auf den Kreuzberg geliebäugelt, sozusagen als süßer Einstieg in den Rhöner Alltag, der gar nicht so alltäglich ist. Aber daraus wird nichts. Schade!

 

Mittwoch, 16. Juli

Heute fährt unser Sohn Max mit seinen Großeltern schon wieder in den Urlaub. Und zwar auf die Azoren. Mein Gott, hat der es gut. Aber er hat es sich auch verdient. Denn sowohl Max als auch Maxima sind prima Urlaubskinder. Und das gefällt vor allen Dingen meinen Schwiegereltern Marion und Norbert. Um 9.45 Uhr will ich die drei nach Fulda zum Bahnhof fahren. Um 9.10 Uhr übergibt mein Frau den Kinderausweis an meine Schwiegermama. Die öffnet ihn - eher rein zufällig - und stellt fest, das der Max hier noch auf seinen „alten" Namen Grosser eingetragen ist. Die Flugtickets lauten aber auf seinen aktuellen Nachnamen Krenzer. Das hat man nun davon wenn man erst heiratet, wenn schon zwei Kinder da sind. Da die Azoren auch noch zu Portugal gehören und die Behörden dort nach dem Kinderentführungsfall Madeleine hypersensibel sind, wird es jetzt wirklich eng. Der Urlaub für Max scheint gestrichen. Denn mit dem alten Ausweis kann er nicht mitfahren...

Doch dann passiert das schier Unglaubliche:

Sylvi telefoniert mit einem Mitarbeiter des Ehrenberger Bürgerbüros. Und der stellt doch glatt innerhalb einer Rekordzeit noch einen neuen Kinderausweis aus. Klasse! Das schafft wirklich nicht jede Stadt- oder Gemeindeverwaltung. Aber die meiner kleinen Heimatgemeinde. Mein Sohn erzählt mir hinterher, das er zu nervös für eine Unterschrift war. Und sie selbst gar nicht lesen konnte. Aber die Erleichterung ist ihm deutlich anzumerken. Pünktlich um 9.45 fahre ich die drei Urlauber zum Fuldaer Bahnhof. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für diese gute Tat!!!

Donnerstag, 17. Juli

Bierbrautag in Memmelsdorf. Bereits um 6 Uhr geht's los - weil mein Braumeister HaLu am Nachmittag schon wieder wichtige Termine hat. Heute brauen wir ein Dinkelbier. Und weil Dinkel (genauso wie Weizen) keine Gerste ist (wussten Sie's?) muss es obergärig vergoren werden. Warum das so ist, kann mir HaLu auch nicht genau sagen. Es hat wohl irgendwie mit dem Reinheitsgebot von 1516 zu tun. Alles läuft wie am Schnürchen und so sind wir bereits am frühen Nachmittag fertig. Da bleibt sogar noch Zeit für eine Kaffepause vor der Heimfahrt.

Am Abend habe ich noch einen Termin im Haus, an dem ich leider Unerfreuliches erfahre. Gemeinsam mit 4 Kollegen wollten wir unser Wander-Shuttle mit der Karte des Hochrhöners bekleben. Und obwohl wir vorher eine positive - aber leider nur mündliche - Zusage bekommen haben, werden uns nun seitens der Agentur Lizenzgebühren angedroht. Eigentlich müssten die Rechte der Karte bei unserem Tourismusverband liegen. Aber bei der Vertragsgestaltung hat der Geschäftsführer des Tourismusverbands wieder einmal geschlafen. Ich bin ziemlich sauer und poltere per e-mail los. Und siehe da: Plötzlich wollen sich alle an einen runden Tisch setzen und diskutieren. Exakt dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Es hat scheinbar noch niemand ausgerechnet, was diese ganzen Ausschüsse, Diskussionsrunden & Co. so stündlich kosten. Immerhin sitzen da ja nicht gerade kleine Gehaltskaliber (mit meiner Ausnahme natürlich) am Tisch. Und meistens bringt es nichts. Gar nichts.


Montag, 21. Juli

Heute geht gar nichts. Ein Magen-Darm-Ganzkörpervirus hat meine kompletten 85 kg im Griff. Es geht mir dreckig. Der einzige Lichtblick dieses Krankheits-Desasters ist der grandiose Regentag, den wir heute haben. Regen vom Krankenbett aus zu beobachten ist viel spannender als Sonnenschein. Und natürlich auch viel geräuschvoller. Ich finde, Regen hat etwas absolut beruhigendes. Nur dumm, dass es mich heute erwischt hat. Schon morgen früh soll unsere kleine Kulinarik-Exkursion durch Hohenlohe-Franken starten, die Sylvi und ich gemeinsam mit Freunden ausgetüftelt haben. Ob ich so schnell wieder fit bin?


Dienstag, 22. Juli

Natürlich bin ich fit! Jedenfalls bilde ich mir das ein. Und so brechen kurz nach 9 Uhr morgens Maxine, Maxima, Sylvi und ich auf nach Schwäbisch Hall, um uns dort mit Herrn Bühler von der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft zu treffen. Der Tag mit unseren Freunden vergeht wie im Flug. Nach einem Stadtrundgang geniessen wir im Hotel Hohenlohe unser „Schwäbisch-Hallisches-Menü". Und am Abend folgen noch einige Absacker mit meinem Kumpel Odi in diversen Szene-Bars. Das Zitat des Tages habe ich in der Ausstellung des österreichischen Bildhauers und Malers Alfred Hradlicka (noch bis Mitte September in der Kunsthalle Würth, sehr zu empfehlen!) gelesen:

„So wenig ein Meister vom Himmel fällt, fallen die Kunstwerke vom Himmel. Und was ich von der Inspiration halte, da kann ich (Alfred Hrdlicka) mich nur selbst zitieren: MIR FÄLLT NICHTS EIN - MIR FÄLLT WAS AUF!"


Mittwoch, 23. Juli

Um 19 Uhr am Abend fällt mir auch was auf. Das war alles ein bisschen zu viel. 30 Minuten morgendliches Schwimmen im Solebad, Besichtigungen beim Bauernhofeis und in der Dorfkäserei, Mittagessen in Feuchtwangen, Rückfahrt und jetzt traditionelles Rostbraten-Essen beim Würths Beck, einer Hallischen Kultkneipe. Nix geht mehr. Mein Akku ist leer. Ich bin eben doch noch nicht fit. Jetzt bin ich angefressen wie mein vor mir liegender Rostbraten. Und möchte am liebsten mit meinen beiden Mäxen ins Bett und Sylvi die Karte für das Freiluft-Treppen-Musical „Glenn Miller" überlassen. Doch das geht nicht. In meinem jetzigen Zustand ist es besser, noch zwei Stunden auf einem Stuhl vor der berühmten Kirchentreppe auszuharren, als auch noch die Kinderbetreuung zu übernehmen. Das wäre absolut nicht gut für die Kinder. Zum Glück kann von Ausharren keine Rede sein - die Aufführung ist sensationell! Um 23 Uhr liege ich trotzdem mausetot im Bett.

Donnerstag, 24. Juli

Unsere Tour geht weiter über das malerische Weindorf Beckstein in Tauberfranken zur Distelhäuser Brauerei. Für mich persönlich ein sensationeller Betrieb. Klasse ist auch die Führung von Biersommelier Freitag, obwohl heute nicht sein Tag ist (es ist Donnerstag!!). Viel zu spät kommen wir in Würzburg an. Der Stadtrundgang muss jetzt ausfallen, denn schon um 18 Uhr ist beim Weingut am Stein eine große Weinprobe bestellt. Eigentlich sollte ich bei meinem körperlichen Zustand keinen Alkohol trinken. Da meine Frau schon auf Alkohol verzichten muss, wäre das ja dann wirklich der GAU. Wir fahren zu den besten Bieren und Weinen Deutschlands, und dann trinken wir... Wasser! Nein, das geht nicht. Da muss man einfach Opfer bringen. Aber ab und zu muss ich aber schon daran denken, dass in zwei Tagen mit dem Rhönschaf-Lauf ein Halbmarathon ansteht. Denn den kann ich nicht einfach absagen. Denn dieser Lauf ist meine Idee gewesen. Da lauf ich vorneweg. Na denn, Prost!

Der Abend auf der Terrasse des Restaurants „Weinstein", welches jetzt „Reissers" heißt (so heißt auch der Küchenchef) ist sehr kurzweilig. Denn von unserem Tisch aus kann ich exakt den gastronomischen Gaza-Streifen (für alle Nicht-Gastronomen: das ist die Stelle, wo Köche und Kellner(innen) aufeinander treffen) beobachten. Da an diesem Abend alle Gäste um Punkt 20 Uhr essen wollen, gerät der Service gehörig ins Schleudern. Und jetzt wird es spannend. Wie reagiert die Restaurantleiterin? Bleibt sie ruhig? Wird sie jetzt auch hektisch? Ordnet sie oder treibt sie an? Nun, als ich die junge Dame so beobachte, habe ich das Gefühl, den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Denn ich bin oft auch so. Manchmal wie ein HB-Männchen. Ich will überall sein, alles im Griff haben, nichts geht schnell genug. Mitarbeiter werden zur Sau gemacht und „rein zufällig" passieren immer mehr Fehler. Danke, liebes Universum, dass ich dieses Schauspiel heute Abend sehen konnte. Ich gelobe Besserung. Schon morgen Abend habe ich Gelegenheit, dies unter Beweis zu stellen.


Samstag, 26. Juli 2008

Um 13 Uhr startet der 2. Rhönschaf-Erlebnislauf. Und ich bin schon am frühen morgen ziemlich aufgeregt. Normalerweise habe ich vor einer Laufstrecke von knapp 20 Kilometern wenig Respekt. Und im Urlaub habe ich ja auch kräftig trainiert. Aber heute, in meinem gefühlten Zustand ist das eine ganz andere Nummer. Ich weiss heute ganz genau, wenn ich diese Strecke bei diesen Temperaturen (ca. 30 Grad plus pralle Sonne) schaffe, dann ist das mindestens ein gefühlter Marathonlauf. Und der geht immerhin über knapp 43 Kilometer. Zum Start bin ich noch gut drauf laufe sogar vorneweg. Das sollte sich bei zunehmenden Kilometerzahlen allerdings ändern. Nach 15 Kilometern bin ich „platt", doch dort gibt es zum Glück eine längere Pause. Die letzten 5 Kilometer werden leider zur Qual, aber manchmal muss man sich im Leben auch quälen.

Im Ziel bin erschöpft. Und Erschöpfungszustand heisst konkret, das zwei Stunden gar nichts geht. Du lebst zwar, aber das war es dann auch schon. Ein bisschen am Wasser nippen, ja nicht zu viel, denn das ist schon wieder anstrengend.
Man ist einfach nur völlig fertig. Selbst das Baden oder Duschen fällt schwer. Doch nach zwei Stunden ist das plötzlichvorbei, der Körper schaltet wieder auf Normalbetrieb. Ich glaube, wenn man seinen Körper im Erschöpfungszustand noch fordern würde - er würde zusammenbrechen.

Das ist übrigens überhaupt keine Sache des Alters, denn du machst dir mit 43 ja schon Gedanken, ob dein Körper das vielleicht nicht mehr mitmacht. Dazu kann ich nur sagen, dass ich diesen Zustand zuletzt im zarten Alter von 25 Jahren erlebt habe. Also in einem Alter, in dem man eigentlich voll im Saft stehen sollte. Damals hatten wir noch einen Ruhetag und ich machte mich in brütender Sommer-Mittagshitze per Rad auf den Kreuzberg. Oben endlich angekommen, war ich völlig fertig. Zitterte am ganzen Körper. Eine Stunde saß ich wie ein Häufchen Elend auf einer Mauer. Danach erste Nahrungsaufnahme mit einer klaren Fleischbrühe. Nach einer weiteren Stunde dann endlich ein Kreuzberg-Bier. Aber das hat mir nicht geschmeckt. Zum Glück wurde ich am Abend abgeholt. Es war ein genialer Ruhetag!

 

Dienstag, 29. Juli 2008

Es hat länger gedauert als erwartet. Aber endlich ist es heute soweit. Ich darf heute den Medien und der restlichen Öffentlichkeit mein kleines Buch mit dem Titel „Ein Rhöner auf dem Hochrhöner" vorstellen. Und ich freue mich, das trotz des Termins am frühen Nachmittag so viele Leute nach Fulda ins Üwag-Kundenzentrum gekommen sind. Es wird ein wunderschöner Nachmittag und für mich ist es schon ein merk-würdiges Gefühl, nach knapp 10 Jahren wieder ein Buch geschrieben zu haben. Jetzt muss es nur noch ein paar Leute geben, die es auch kaufen...


Donnerstag, 31. Juli - Sonntag, 3. August 2008

Mit Kelter-Kollege Harald Elm und dem Journalisten Alex Klüh wiederhole ich die Rhöndurchquerung vom letzten Jahr. Diesmal allerdings von Bad Kissingen nach Bad Salzungen. Ein ausführlicher Bericht würde dieses Tagebuch sprengen. Aber vielleicht gibt es ja einen Teil 2 meines Buches. Stoff hätte ich auf jeden Fall genug. Sogar mehr wie genug. Aber ich darf hier noch nichts verraten. Sonst braucht ja keiner das Buch, oder?


Montag, 4. August 2008

Wenn du in vier Tagen 120 km gewandert bist und dich am fünften Tag wieder im Büro befindest - dann fehlt dir was. Obwohl ich am letzten Tag unserer Tour blasengequält die „Wanderbremse" war, so würde ich heute am liebsten wieder loslaufen. Trotz Schmerzen. Der heutige Tag ist geprägt von der Sehnsucht nach der Rhöner Natur, die ich in den letzten Tagen so genießen konnte. Meine Begeisterung für das Wandern hat mir meine Mutter in die Wiege gelegt. Oder besser: Sie hat mich durch Erzählungen von tollen Wanderzielen (natürlich immer mit Einkehr) schon mit 18 Jahren neugierig gemacht.

Wandern ist echt eine geile Sache. Du bewegst dich, kannst nachdenken oder auch gar nichts denken, du lernst Leute kennen, kommst ins Gespräch und freust dich auf eine tolle Raststation. Du kannst es alleine tun, mit deiner Frau oder mit Freunden. Und das alles an der frischen Luft. Gibt es was Besseres? Und der tolle Nebeneffekt: Trotz aller Genüsse nimmst du auch noch ab! Ich habe bei unserer Hochrhöner-Tour unbeabsichtigterweise 3 kg verloren. Es gibt garantiert Schlimmeres...


Samstag, 9. August 2008

Nachdem ich die letzen Tage mit verschiedenen Büroaktivitäten verschwendet habe, steht heute wieder ein Aktiv-Programm auf der Tagesordnung: Genuss-Radeln. Es gibt ja nicht wenige Kollegen, die behaupten, dass ich mich mit meinen ganzen Aktiv-Programmen für meine Gäste ziemlich stresse. Das Gegenteil ist der Fall. Ich genieße es und freue mich darauf. Auch heute. Mit einer tollen Truppe - bestehend aus 4 Frauen und einem Mann - radele ich durch das Ulstertal bis zur Mündung dieser in die Werra . Knapp 50 Kilometer. Ein wirklich toller Tag - gekrönt mit einer Mittagseinkehr in der Geisschänke im thüringischen Geisa. Der verspielte Biergarten dort ist ein echtes Erlebnis. Sehr zu empfehlen.

Der Abend läuft leider nicht ganz so entspannt, immerhin gibt es bei uns heute viel zu tun. Zum Glück. Denn ich kann ja nicht nur durch die Gegend radeln...

 

Sonntag, 10. August 2008

Heute Abend ist steigt ein ganz besonderes Event. Erstmals wird der Pomme d'Or verliehen. Das ist sozusagen der Oscar der Apfelweinbranche. Und um diese Verleihung gab es schon vorher heftige Diskussionen. Denn scheinbar wollen sich nicht alle hessischen Keltereien dem Urteil einer 8-köpfigen Jury aussetzen. Wahrscheinlich deshalb, weil die Mehrzahl der Juroren eher aus der Weinbranche kommen. Aber das ist genau die Chance, die dieser Wettbewerb offenbart. Aber es ist immer und überall das gleiche Szenario: Auf der einen Seite die Traditionalisten a' la „Das haben wir schon immer so gemacht!" und auf der anderen Seite die Innovativen a' la „Schaun wir mal was geht!".

Egal. Ich freue mich darauf und sitze um kurz nach 17 Uhr im ICE nach Frankfurt. Die Preisverleihung ist im Hotel Intercontinental, also unweit des Hauptbahnhofs. Um nicht in Hektik und ohne Fahrkarte gegen 23 Uhr die Rückfahrt antreten zu müssen, kaufe ich um 18.36 Uhr am Automaten des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (kurz RMV genannt) für 12.- die Fahrkarte retour nach Fulda. Dies sollte ein Fehler sein...

Nachdem ich mich im Bahnhofsviertel verlaufen habe (es gibt sicherlich Schlimmeres, denn man lernt eine Menge skurrile Typen da kennen) lande ich natürlich zu spät auf der Veranstaltung. Diese ist im 21. Stock hoch über den Dächern Frankfurts schon in vollem Gange. Als ich dann auch noch versuche, mich elegant an meinen Tisch zu schleichen, begrüßt mich Andreas Eggenwirth, der Moderator und Organisator des Abends mit einem lustigen, auf meine Person gemünzten Kommentar. Peinlich. Warum kann ich nicht einmal pünktlich sein?

In meiner Kategorie Manufaktur-Apfelweine gibt es 10 Nominierungen. Darunter alleine schon drei von mir. Es sieht also gut aus. Aber es gibt nicht wenige Oscar-Nominierte (Kirk Douglas zum Beispiel wurde oft nominiert, hat aber nie einen Oscar erhalten, am Ende seiner Karriere gab es dann einen Ehrenoscar) die hinterher leer ausgehen. Doch soweit sollte es zum Glück bei mir nicht kommen. Der letzte Aufruf hebt meine 2007er Cuvee aus Boskoop & Kaiser Wilhelm in den Apfelwein-Olymp. Ich freue mich. Kann aber noch nicht realisieren, was da gerade passiert ist. Brav nehme ich meine Urkunde und den goldenen Apfel entgegen und gegen 23 Uhr setzt mich mein Freund und Kollege Jürgen Schuch am Bahnhof ab.

Gegen 23.30 setzt sich dann auch mein Regionalexpress Richtung Fulda in Bewegung. Ich bin todmüde. Kurz vor Gelnhausen weckt mich der Schaffner aus einem goldenen Apfeltraum und will meinen Fahrschein sehen. Ich überreiche ihm das Dokument aus dem RMV-Automaten. Doch er erkennt den Fahrschein nicht an. Und er erklärt mir, das das Ticket ungültig ist. Ich bin ziemlich überrascht und kann den Grund nicht nachvollziehen. Denn ich hätte sofort nach Fahrkartenkauf den nächstmöglichen Zug nehmen müssen. Das steht auch an jedem Automaten dran, so der resolute Kontrolleur, der mich jetzt wie einen Schwarzfahrer behandelt. Der wäre auch als Gefängnisaufseher nicht deplaziert. Ich will protestieren - aber heute Abend redet nur einer. Nämlich der Aufseher. Jetzt ist seine Stunde gekommen. Endlich hat er mal einen Fernzug-Fetischisten beim Versuch erwischt, mit einer Bimmel-Bahn zu fahren. Ich muss mich also ausweisen, was ich mit meinem 25 Jahre alten Führerschein auch souverän tue. Anschließend bekomme ich ein Ticket über 40.- Euro. Ich versuche, ihm meine Geschichte zu erzählen. Doch die interessiert ihn nicht. Ich könnte mich aber an eine Schiedsstelle wenden. Zumindest theoretisch. Und auch nur schriftlich. Jetzt ist es kurz nach Mitternacht. Um 0.49 soll der Zug in Fulda ankommen. Hätte ich mein Notebook dabei, könnte ich jetzt zumindest noch den Brief an die Fahrpreis-Nacherhebungs-GmbH schreiben.

Ab Bahnhof Steinau bleibt der Zug stehen. Es geht seit 15 Minuten nicht weiter. Eine Durchsage gibt dann eine Streckensperrung wegen Personenschaden bekannt. Die Sperrung soll bis 1 Uhr dauern. Natürlich stimmt das nicht und um 2.30 sitzen wir immer noch fest. Da nun ein anderer Zug kommen soll, werden wir nach draußen ins Regenwetter geschickt. Fahrten mit der Deutschen Bahn sind ultimativ das letzte deutsche Abenteuer. Ich laufe also mit meiner überdimensionalen Urkunde und dem goldigen Apfel mehrmals den Bahnsteig rauf und runter. Und komme mir dabei langsam ziemlich albern vor. Zum Glück spricht mich keiner an. Wahrscheinlich hat es sich schon rumgesprochen: Dieser notorische Schwarzfahrer hat gerade den Pomme d'Or gewonnen!

Kurz nach 3 Uhr geht es endlich im Schneckentempo weiter. Um 4 Uhr bin ich dann mit einigen Stunden Verspätung wieder in Seiferts. Ich stelle meinen Pomme d'Or auf den Küchentisch und bin plötzlich wieder hellwach. Da hilft nur ein Dinkelbier aus meinem Privatkühlschrank. Um Viertel vor 5 falle ich in mein Bett. Und darf am Morgen etwas länger schlafen - meine Frau hat ausnahmsweise einmal Mitleid. Obwohl sie gar nicht wusste, was mir an diesem legendären Abend so alles widerfahren ist...

 

Samstag, 23. August 2008

Der gestrige Freitagabend ging erst am heutigen Samstag um 3 Uhr in der Früh zu Ende. Und ich bin ich heute morgen noch ziemlich müde, als ich mich mental auf die Genuß-Wandertour mit Gästen vorbereite. Gestern hatte ich für meinen Freund, Kelterkollegen und Partner Harald Elm das 50jährige Keltereijubiläum bekocht und mitorganisiert. Gemeinsam mit der Kooperation der Hessischen Wirtshaus Kelterer. Das Highlight des Abends ist Spontankomiker „Schorsch" Schweitzer, der diesen Abend mit Action, Sprüchen und hochintelligentem Klamauk begleitet.

Ein weiterer Höhepunkt des Abends soll die Podiumsdiskussion werden. Solche Diskussionsrunden sind - egal wo oder wann man sie veranstaltet - immer eine heikle Sache. Oft gibt es überlange Monologe der Diskutanten. Kaum gibt es richtig Zoff, so dass die Zuhörer wieder wach werden. Und viele versuchen, dem Moderator zu antworten. Und das viel zu fachlich. Aber eigentlich sollte man die Leute unterhalb des Podiums ansprechen und mit dem Thema infizieren. Also den Blickwinkel wechseln. Das gelingt leider nur wenigen. Das Thema heute lautet: „Nach Bio kommt Regio - oder wo geht die Reise hin?"

Ziemlich fies finde ich die Frage, die mir mein Hochrhöner-Wanderkollege und Journalist Alex Klüh im Rahmen der Podiumsdiskussion plötzlich stellt: „Und wie ist das mit der Dachmarke Rhön, Herr Krenzer?" Der weiß doch ziemlich genau, wie kritisch ich das sehe. Muss diese Frage jetzt wirklich sein? Ob meine Meinung hier und heute verstanden wird? Ich unternehme erst einmal einen Erklärungsversuch zum Thema Marke und sage: „Schauen Sie, eine Marke muss man sich vorstellen wie einen Akku. Da muss erst Energie hineingegeben werden, damit dieser Akku etwas anderes wieder anstecken kann. Energie ist bei der Dachmarke Rhön gleichzusetzen mit Qualität, Authenzität, Sympathie und Professionalität. Oft wird eine Marke aber verwechselt mit einem Logo. Sehr oft sogar. Und von einer Marke muss immer eine Sogwirkung ausgehen."

So. jetzt habe ich es auch geschafft. Super-fachlich das Ganze. Das versteht jetzt noch nicht einmal mehr der Moderator. Sch... Podiumsdiskussion! Ich nehme noch mal das Mikro in die Hand und erläutere den Unterschied von Sog- und Druckmarketing: „Also, selbst meine Azubis kennen bereits diesen entscheidenden Unterschied zwischen Druck und Sog. Die jungen Mädels erfahren dies zum Beispiel jeden Samstagabend in der Discothek. Wenn die Jungs dir nur so hinterher laufen, dann ist das Sog. Du kannst dir dann in Ruhe den besten Typen aussuchen. Wenn du aber schon ultrakurze Minis und megakurze Oberteile, viel metallernes Beiwerk, eine schrille Frisur sowie ein dickes Make-up brauchst, damit überhaupt einer hinschaut, dann ist das Druck. Und oft gehen diese Mädels auch wieder alleine nach Hause!" Das Publikum lacht. Also haben sie verstanden. Ich bin zufrieden.

Als ich am frühen Morgen mit meinem Lieferwagen zurück nach Seiferts fahre, geht mir ein Gedanke nicht durch den Kopf. Wie sieht unsere Rhöner Dachmarke in der Disco aus? Dann habe ich auf dem Weg von Gersfeld über die Wasserkuppe ein deutliches Bild vor mir: Ich erkenne in dieser imaginären Disco eine 39jährige, schon leicht verbrauchte Frau. Kein Wunder, denn die hat auch schon zwei Ehen hinter sich gebracht. Sie hat sich runtergehungert auf Klamottengröße 36 und passt jetzt in die Orsay- und Pimkie-Klamotten einer 18jährigen. Und die trägt sie natürlich jetzt auch. Sie schaut auch nicht wirklich glücklich, denn hungern und jung bleiben ist auf Dauer ziemlich anstrengend. Trotzdem findet sie sich irgendwie cool. Anbeißen tun bei ihr aber nur noch die Kerle, die es dringend nötig haben...

 

Dienstag, 26. August 2008

Meine kleine Schwester Sylvana hat mein Internet-Tagebuch entdeckt. Nach 8 Monaten. Die Krenzers sind halt nicht die Schnellsten. Ich habe das natürlich auch nicht rumerzählt. Jetzt hat sie wahrscheinlich Ärger mit ihrem Mann Guido, weil sie geschlagene 2 Stunden lesend vor dem Bildschirm verbracht hat statt wichtige Rechnungen zu schreiben. Sie ist sogar begeistert. Und gibt den Tipp noch an einen Freund weiter. Es gab ja auch Leute, die weniger begeistert waren. Aber dazu komme ich noch an anderer Stelle.

 

Freitag, 5. September 2008

Seit 1998 gibt es den Deutschen Käsemarkt im schmucken ostwestfälischen Städtchen Nieheim (Kreis Höxter). Auch ich habe Ende der 90er Jahre dazu beigetragen, dass es diese fantastische Plattform für den handwerklich hergestellten Käse gibt. Da dieser Markt ein Riesen-Event ist, findet er nur alle zwei Jahre statt. Meine Jungköchin Eva und ich machen uns schon früh am Morgen auf den Weg, um endlich einmal vor 12 Uhr aufbauen und bestücken zu können. Unsere beiden Kleintransporter sind bis an die Überladungsgrenze mit Apfelwein, ApfelSherry und Apfelsaft beladen.

Um 15 Uhr geht es los, und wir haben unseren Stand wunderschön mit viel Liebe dekoriert und ausgestattet. Doch schon einige Stunden vorher streifen Menschenmassen durch diese sonst eher beschauliche Stadt. Ein Wolkenbruch am Abend sorgt dafür, dass meine Laune auf dem Tiefpunkt angelangt ist. Unseren halben Stand hat es zerlegt. Märkte sind nicht immer spaßig. Vor allen Dingen nicht für die Aussteller.

Und davon gibt es diesmal wieder reichlich. Doch immer mehr Winzer schmuggeln sich in den Käsemarkt. Leider nicht immer die Besten. Und am Abend beim Italiener Giovanni diskutiere ich mit Edelbrenner Dieter Walz, meinem Freund Dieter Popp und einigen anderen heftigst über das Konzept solcher Märkte. In dieser Diskussion kommen die Winzer nicht so gut weg. Was wir nicht wissen: An unserem Tisch (der ist ziemlich groß) sitzt ein Winzerehepaar von der Mosel, die auch einen Stand haben. Und die sind aufgrund unserer Kritik jetzt richtig sauer. Die nächsten zwei Stunden versuche ich nun, meinen Standpunkt zu verteidigen. Ich bringe es jetzt einfach einmal auf den Punkt:

Die meisten Winzer auf dem Markt machen keine Imagepflege. Sie sind nur am Umsatz interessiert. Entsprechend lieblos sind die Stände oder Buden. Die Präsentation ist einfach einfallslos. Dabei bieten viele auch Urlaub beim Winzer an. Könnten also richtig neugierig machen auf ihre Heimat. Und einen wirklichen Spaßfaktor habe ich bei diesen Leuten am Stand nicht erkannt. Da ging es bei uns trotz meiner Anwesenheit schon ganz anders zu. Und positive Stimmung ist immer gut für den Umsatz. Der kommt dann ganz von alleine...

 

Sonntag, 7. September

Da spannende an solch einem Markttreiben ist, dass man reichlich Zeit hat, die Menschen zu beobachten. Es ist unglaublich, was so alles frei herumläuft. Immerhin besuchen diesen Markt in Nieheim knapp 70.000 Menschen, hier ist wirklich alles vertreten.

Eva macht eine ganz besondere Beobachtung: Sie hat festgestellt, dass morgens die Männer die Frauen durch das Marktgeschehen „ziehen". Am Abend ist es dann aber umgekehrt. Nachdem ich das von ihr erfahren habe, beobachte ich das auch. Wirklich interessant. Warum ist das so?

Nach erfolgreichen drei Käsemarkttagen können wir uns beim Italiener Giovanni noch eine Pizza mit Nieheimer Käse und einige Nieheimer Käsebiere. Morgen geht es wieder nach Hause und freue mich schon auf meine Familie.


Montag, 8. September

Als ich gegen Mittag unser Haus betrete, bekomme ich einen Riesenschreck. Zwei Mc Donalds-Luftballons schmücken unseren (privaten) Hausflur. Oh Gott, ist das eine Begrüßung! Dann erzählt mir meine Frau, das Max und Maxima, die am Wochenende bei Tante Sylvana und Onkel Guido „geparkt" waren, gemeinsam mit den Kindern meiner Schwester einen „Event-Nachmittag" bei Mc Donalds in Fulda verbracht haben.

Bisher habe ich immer stolz behauptet, das meine Kinder den goldenen Doppelbogen im Logo des Hamburger-Giganten immer für das Zeichen der städtischen Toilettenanlage gehalten haben. Denn wenn wir früher in irgendeiner Stadt waren, bei Mc Donalds konnte man auch als Passant mit schreienden Kindern die Toilette oder den Wickeltisch aufsuchen, ohne blöd angeguckt zu werden. Kompliment hier an die Leute von MCD, wie ich sie liebevoll nenne.

Ich frage meinen Ältesten, den Max, wie es denn so war. Ich höre dann leider aber etwas anderes als dass, was ich gerne gehört hätte. Aber klar. Das Konzept funktioniert. Die Kids werden mit Spielzeug „gekauft". Und mit freundlichem Service. Der ist aber oft nur noch bei Kindern freundlich. Aber immerhin, es funktioniert.

Da mein Sohn jetzt immer eitler wird, versuche ich noch einmal, meinen Lieblingsspruch zum großen Mitbewerber zu „implementieren": „Seit ich bei Mc Donalds esse, hab' ich Pickel in der Fresse!" Ob es funktioniert hat? Na ja...

Am späten Nachmittag bekomme ich eine Mail mit einer schrecklichen Nachricht: Daniel Zanetti, ein von mir sehr geschätzter Schweizer Referentenkollege und Autor ist verstorben. 43 Jahre jung ist er nur geworden. Ich fasse es nicht. In der Mail steht nicht woran und wie er verstorben ist. Ist eigentlich auch nicht mehr wichtig. Er ist nicht mehr da. Das ist traurig genug. Diese Nachricht sollte mir noch mehrere Tage durch den Kopf gehen. So schnell passiert es. Die Einschläge kommen näher. Ich bin sehr nachdenklich geworden. Vielleicht sollt ich in 2009 noch ein zusätzliches Babyjahr einlegen. Einfach ein wenig „entschleunigen". Denn viele erfolgreiche Menschen sind definitiv viel zu schnell unterwegs. Auch wenn sie gesund leben und alles tun um fit zu bleiben. Unser Körper hält das Tempo dieser Zeit einfach nicht aus. Denn unsere Hülle ist noch die Gleiche wie vor zigtausend Jahren...


Sonntag, 14. September

Jetzt ist es 20.17 Uhr und ich tippe gerade diese Zeilen in mein Tagebuch. In 13 Minuten habe ich eine Führung mit Verkostung in meinem ApfelSherry-Keller und dann genieße ich den Feierabend bei einer Maß Oktoberfestbier in meiner kleinen Privatküche. Das habe ich mir verdient, denn ein Marathon an Terminen und Führungen liegt hinter mir. Nebenbei habe ich noch die Beleuchtung an der Schau-Kelterei repariert. Nur zum Laufen bin ich nicht mehr gekommen.

Für die Wies'n habe ich dieses Jahr leider keine Zeit, also hole ich mir das Oktoberfest nach Seiferts. Brezen habe ich auch schon besorgt und ein Stück Gelbwurst findet sich garantiert noch im Kühlschrank (falls meine Kinder noch etwas davon übrig gelassen haben).

In dieser Woche haben wir das erste Mal in 2008 gekeltert und der erste Apfelwein des Jahres ist schon in der Vergärung. Alles lief reibungslos. Nein, nicht alles. Am Donnerstag, in der Hektik unseres Keltertages kommt mein Junior Max zu mir und erzählt mir ganz so nebenbei, dass er in der Deutsch-Arbeit eine Fünf geschrieben hat. Zuerst dachte ich, der will mich auf den Arm nehmen. Aber nein. Es ist die Wahrheit. Sch...

Wie soll man jetzt reagieren? Bei den meisten Eltern gibt es nur zwei Varianten. Entweder es gibt riesige Aufregung, in welcher auch der Schuldige gesucht und gefunden wird (egal ob Schüler oder Lehrer, selten die Eltern...).

Die zweite Variante ist die Gleichgültigkeit. Es wird einfach hingenommen. Schlimm. Aber auch oft praktiziert. Doch wie reagiert man nun auf solch eine Nachricht?

Eltern werden ist nicht schwer. Eltern sein...

 

Dienstag, 16. September

Meine Hochrhöner-Buchlesung im Mehr-GenerationenHaus im Fuldaer Josefsgarten ist ausserordentlich gut besucht. Und mir macht es in diesem Ambiente auch richtig Spaß, einige Passagen aus meinem neuen Buch vorzutragen. Meine kleine Schwester meinte neulich, das sie richtig Lust aufs Wandern bekommen hat, nachdem sie mein Buch mit dem vielsagenden Untertitel „Kein Wanderführer" gelesen hat. Und genau das war meine Absicht. Ich will die Leute zum Wandern bringen. Freiwillig! Denn das kann jeder. Und die Champions-League des Wanderns ist das Genuß-Wandern. Das wiederum beherrscht eben nicht jeder...


Mittwoch, 24. September

Ein Fotoreporter-Team macht sich heute mit mir auf den Weg zu meinen Apfelbauern. Für ein neues und völlig anderes Buchprojekt möchte man meine enge Zusammenarbeit mit den Apfelbauern der Rhön dokumentieren. An diesem Tag sammele ich knapp 5.000 kg Rhöner Streuobst ein, alles in 20 kg Kisten gepackt. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn du schuftest wie ein Bekloppter und zwei Menschen fotografieren dich ständig dabei. Am Abend lade ich die beiden noch zum Essen ein. Sie haben größeren Appetit als ich. Beim Arbeiten zuschauen (obwohl: Fotografieren ist auch Arbeit, aber eben nicht ganz so körperlich) macht auch hungrig. Sie zollen mir Respekt. Die beiden hätten nicht gedacht, dass noch soviel Handarbeit bei der Apfelkelterei angesagt ist. Ich erkläre Ihnen, dass es mir jedes Jahr große Freude macht, all diese Tätigkeiten selbst zu erledigen. Manche Dinge kann und soll man auch nicht delegieren. Mir würde dann wirklich etwas fehlen.
Wir gehen heute früh ins Bett, denn schon um 7 Uhr startet am Donnerstag der Keltertag. 5.000 kg Äpfel wollen in 3.500 Liter Saft verwandelt werden...


Sonntag, 28. September

Es ist jetzt 7.15 Uhr und ich sitze hier mit meiner süßen, knapp 5 Monate alten Tochter Maxine in meiner kleinen Küche und mache mir erst einmal einen Kaffee. Das kleine Mädel ist quietschvergnügt. Doch wenn ich versuche in die Laptop-Tasten zu greifen wird sie unglücklich. Sie hätte halt gerne 100% Aufmerksamkeit. Apropos: Wer hätte das nicht gerne? Max und Maxima sind bei Oma und Opa in Arnstadt uns Sylvie liegt noch leicht kränkelnd im Bett. Jetzt im Herbst geht es Schlag auf Schlag. Und Sylvie hat sich wahrscheinlich arbeitsmässig ein wenig zu viel zugemutet.

Draußen lacht schon die Sonne - und es wird ein toller Herbsttag werden. So wie gestern. Wenn sich die Rhöner Landschaft so langsam verfärbt und die Wiesen ein letztes Mal gemäht werden dann entsteht ein ganz besonderes Bild. Gestern beim Laufen hat mich dieser Kontrast von sattgrünen, kurzgeschorenen Weiden und gelbrot verfärbten Bäumen total fasziniert. Der Herbst ist und bleibt für mich die schönste Rhöner Jahreszeit. Nur dumm, dass ich genau in dieser Zeit so viel zu tun habe. Die Äpfel fliegen mir ja in diesem Jahr nur so um die Ohren. Trotzdem ist es schön. Und wenn Mitte November alle Äpfel in ihre vorbestimmten Wein- und Sherryfässer sind, dann habe ich noch ein wirkliches Erntedank-Gefühl. Und das ist schon etwas Großartiges. Mit den Jahreszeiten in solch einer fantastischen Landschaft zu leben - was will man eigentlich mehr?

 

Fortsetzung folgt im Tagebuch Oktober bis Dezember!