Mein Babyjahr 2008 Tagebuch April - Juni

Jürgen Krenzers Online-Tagebuch geht ins nächste Quartal. Ein etwas anderes Protokoll. Sehr emotional, ehrlich und authentisch. Manchmal auch unbequem. Auch ein Wirt, selbst ein "Krone-Wirt" ist eben nur ein Mensch...
NEU: Als Service für alle Stammleser erscheinen die neuen Einträge fett und gleich hier auf der Startseite - das erspart das lästige Durchblättern...


Dienstag, 1. April 2008

7.55 am Morgen. Ich habe einen wichtigen Termin fast verschlafen. Martin Wöhrl von Volbers-Kellereitechnik wartet schon auf mich. Denn heute kommt sie. Meine neue Füllstrecke für unsere ApfelSherry-Manufaktur. Noch etwas müde vom gestrigen Fußballspiel (nein, nein, nicht das vom TV, ich habe selbst mitgespielt) bauen wir die Anlage auf. Da steht sie nun. Und hat auch richtig viel Geld gekostet. Und ich bin richtig stolz darauf, dass wir uns dieses Schmuckstück leisten konnten. Vom Hobbykelterer in der Garage zum Weltmarktführer von ApfelSherry. Welch eine Karriere! Na gut. Hat ja auch fast dreißig Jahre gedauert...

Ich stehe so vor dieser neuen Maschine und habe ein Bild vor mir. Sie kennen dieses Bild auch. Ganz sicher. Früher, in den 50er und 60er Jahren, da hatten die Menschen mehr Stolz auf das Erreichte als heute. Wenn sich ein Unternehmer damals einen neuen Lieferwagen geleistet hatte, dann wurde die ganze Belegschaft herbeigetrommelt, inklusive der Belegschaft des Autohauses und mit viel Aufwand ein Foto gemacht. Dabei lehnte der Unternehmer stolz auf der Motorhaube wie die Playmates es auf der IAA tun. Heutzutage ist eine neue Investition ganz normal. Aber nicht für mich. Das ist ein Quantensprung. Und das muß man auch mal feiern.

Am Abend waren Sylvi und ich noch einmal im Partnerschaftskurs der Geburtsvorbereitung. Ursprünglich wollte Sylvi da nicht mehr hin. Sie wollte das Baby schon zur Welt gebracht haben. Eigentlich. Aber das entscheiden nun mal nicht die Eltern, sondern das Kind. Und das fühlt sich im Bauch der Mama noch pudelwohl. Sylvis Ungeduld hat aber auch schon unsere beiden Kinder erfasst. Es kann ja jeden Moment losgehen, oder eben auch nicht...

 

Donnerstag, 3. April 2008

Unsere Kinder sind sensationell. Max hat heute zum ersten Mal Geld verdient. Angefangen hat es mit 1,50 Euro Trinkgeld von Hausgästen, denen er das Zimmer gezeigt hat. Dann hatte er Lunte gerochen, denn er interessierte sich für eine Absperrkette aus dem Werbeversand-Katalog. Da wir für unsere Kinder solchen Blödsinn nicht finanzieren (kostet immerhin 15.-) muß er es eben selbst tun. Und tatsächlich - er hilft freiwillig und mit viel Begeisterung an unserer neuen Füllanlage bei der Abfüllung von 350 Flaschen Apfelsherry "Boikenapfel". Und ist megastolz, als das Team schon fertig ist und mich dank seiner Hilfe nicht gebraucht hat. So ein freiwilliges Engagement muß ich natürlich auch fürstlich entlohnen. Über die 5 Euro hat er sich riesig gefreut. Sylvi meinte, man solle es am Anfang nicht übertreiben....

Auch Maxima macht mit ihren fast 4 Jahren unternehmerische Fortschritte. Sie hilft schon beim Abräumen des Frühstücks. Manchmal verursacht das aber auch Mehrarbeit beim Team. Aber so ist das eben mit neuen Mitarbeitern. Ob Kinder oder Erwachsene, das bleibt sich gleich. Und als Gäste an der Rezeption nach mir fragen, bekommt sie (die gerade ihr Bastelstudio am Schreibtisch aufgebaut hatte) das spontan mit, schwingt sich vom Drehstuhl und kommt ins hintere Büro zu mir und sagt:"Papa, da ist ein Mann an der Rezeption, kommst du mal?" Ich bin begeistert. Denn vorher hat Sie das nie gemacht. Ist also mit fast vier Jahren weiter als die Spitzmäuse diverser Hotels (siehe Tagebucheintrag vom 26. März). Mal schauen, ob die Begeisterung anhält. Aber das liegt ja bekanntlich nur an den Eltern...

 

Freitag, 10. April 2008

...und das Baby ist immer noch nicht da! So langsam macht die Warterei keinen Spaß mehr. Es ist wie früher am Heiligabend-Nachmittag. Warten aufs Christkind... . Das hält man einen Tag aus, aber jetzt schon zwei Wochen? Und am Abend habe ich das Gefühl, bei der Berufsfeuerwehr zu sein. Immer auf Bereitschaft. Jeden Moment kann es losgehen. Oder eben auch nicht. Maxine, wie lange spannst du uns noch auf die Folter???

 

Sonntag, 13. April 2008

Also, eines ist sicher. An einem 13. kommt unser Nachwuchs auch nicht zur Welt. Aber langsam wird es Zeit. Am Donnerstag habe ich einen Vortrag im Schwäbischen zugesagt, weil ich mir mehr als sicher war, das unsere Tochter bis dahin das Licht der Welt erblickt hat...

Gestern Abend wollte ich mich ein wenig ablenken und habe gleich eine neue Erfindung gemacht. Ich glaube es jedenfalls. Ein neuer Bier-Bier-Mix. Als ich gegen 23 Uhr den eigenen Kühlschrank aufmache und mich nach einem anstrengendem "Bärlauch-Tag" auf ein kühles Bier freue, finde ich nur noch eine Flasche Doppelbock. Doch darauf habe ich jetzt überhaupt keinen Bock. Irgendwo im Keller entdecke ich noch eine kleine Flasche Weißbier. Ich überlege kurz, ob ich die beiden Biere nicht mischen sollte. Dann denke ich: "Nein Jürgen. So was macht man nicht. Und erst recht nicht als Brauer!" Doch mein Durst siegt. Also mische ich die beiden Biere mit absolut schlechtem Gewissen (ehrlich!!!) in einem großen Glas zusammen.Ich bin begeistert. Das Mischgetränk schmeckt köstlich. Rhöner Doppelbock trifft Jeff Maisels Weißbier. Himmlisch. Das könnte doch ein neuer Gastro-Trend werden, oder? Es kommt immer wieder ein neues Bier dabei heraus. Ich betone: Bier! Kein Biermischgetränk mit Grapefruit, Cola und Lemon. Neuerdings schrecken die Brauer ja noch nicht mal davor zurück, Ingwer ins Bier zu tun. Alfons Schubeck lässt grüssen.

Ich bin erst einmal abgelenkt. Dafür hat auch Amy McDonald gesorgt. Das ist eine wahrscheinlich herb-schöne (ich habe sie ja nur gehört) 20jährige Schottin mit einer sagenhaften Stimme. Ihr Song " Mr. RocknRoll" geht mir nicht mehr aus den Ohren. Und vor allem dieser charmante schottische Akzent. Einfach klasse! Ich bewundere solch junge Menschen, die mit 20 Jahren nicht nur solche Musik schreiben und selbst spielen, sondern dazu auch noch gescheite Texte abliefern.

Jetzt ist es 22.12 Uhr und es wird langsam Zeit, ins Bett zu gehen. Vorher müsste ich eigentlich noch einige Korrekturen an meinem neuen Buch vornehmen. Es soll Ende Mai erscheinen und ist mit dem Arbeitstitel "Ein Rhöner auf dem Hochrhöner" in meinen Unterlagen gespeichert. Nach fast 9 Jahren wird es auch wieder mal Zeit für ein neues Werk. Aber diesmal ist es eben kein Kochbuch, sondern "Kein Wanderführer"...

 

Montag, 14. April 2008

Schon um 5 Uhr früh ist meine Frau extrem unruhig. Ab 6 Uhr ist sie im Haus unterwegs. Die Wehen haben eingesetzt. Als wir um 7.30 Uhr am Frühstückstisch sitzen, wiederholt sich jede Wehe nach 6 Minuten. Jetzt ist es allerhöchste Zeit, Max in die Schule zu verabschieden und Maxima zum Kindergarten zu bringen. Und dann nichts wie ab zum Klinikum nach Fulda. Als wir um kurz vor 9 Uhr auf der Babystation ankommen sind die Wehen weg. Als wären sie nie da gewesen. Das ist ja wie beim Zahnarzt! Ich fasse es nicht. Sollten wir jetzt gleich wieder heim oder will unsere Tochter nicht doch noch heute geboren werden? Meine Frau hat für sich ihren Entschluss schon gefasst: Das Kind kommt heute auf die Welt. Basta! Und wenn Frauen einen Willen haben, dann setzen sie diesen auch durch. Und meistens ist das auch gut so.

Unsere Hebamme ist wirklich pfiffig und hat einige Kniffe zur Reanimation der Wehen auf Lager. Und die funktionieren sogar. Aber das dauert. So gegen 13.30 befinden wir uns dann tatsächlich im Kreißsaal und ich bekomme sogar ein Mittagessen. Nachdem ich mein Frühstück noch nicht einmal in der Hektik des heutigen Aufbruchs essen konnte, habe ich mächtig Hunger. Und der ist nun mal der beste Koch. Selbst bei Krankenhaus-Verpflegung.

Mehr als zwei Stunden später, um exakt 15.47 Uhr bleibt für mich die Welt für einen Moment stehen: Meine Tochter Maxine wird unter höchsten Anstrengungen meiner Frau Sylvi geboren. Wir beide sind überwältigt und brechen in Tränen aus. Dieses Gefühl, diesen Augenblick kann man nicht beschreiben. Deshalb lasse ich es auch. Ich bin dankbar. Dankbar dafür, dieses Wunder der Natur nun schon zum dritten Male erleben zu dürfen. Es ist einfach überwältigend.

Meine Frau ist nach der Geburt unseres ersten ehelichen Kindes richtig erschöpft. Eheliche Kinder sind scheinbar anstrengender als Uneheliche. Da steht uns ja noch einiges bevor. Ich schlafe sogar ein wenig auf dem Bett ein. Maxine übrigens auch.

Irgendwann, knapp 1 ½ Stunden später erfährt unser Ältester, der Max, von seiner kleinen Schwester. Er ist total aus dem Häuschen. Und informiert fix jeden, den er kennt. Maxima hingegen fängt plötzlich wieder an, in die Hose zu pullern. Spätestens jetzt weiß ich, warum die meisten meiner Landsleute nach zwei Kindern die Produktion einstellen...

 

Dienstag, 15. April 2008

Obwohl nicht ich, sondern Sylvi das Kind auf die Welt gebracht hat, bin ich wie gerädert. Noch total müde stelle ich heute morgen fest, das ich für Max und Maxima jetzt erst einmal alleine verantwortlich bin. Max schreibt heute eine Mathearbeit und möchte als Glücksbringer ein Bild von seiner neugeborenen Schwester mitnehmen. Ich gebe ihm einen der beiden Abzüge und spüre, wie wichtig das für ihn ist. Ich hatte den beiden versprochen, heute Nachmittag den offiziellen Antrittsbesuch bei Maxine zu machen. Was wir natürlich auch tun. Es war für mich schon vor vier Jahren ein spannender Moment, als unser Max zum ersten Mal seine Schwester Maxima gesehen hat. Die Kinder haben wahrscheinlich auch eine Vorstellung von dem, was da in Mamas Bauch heranwächst. Und bei der ersten Begegnung kommt dann die Konfrontation mit der Realität. So auch bei Maxima. Sie ist zwar ganz entzückt, als sie ihre kleine Schwester sieht, aber anfangs auch seeeehr zurückhaltend. „Ist das wirklich Maxine? Die ist ja noch sooo klein!!!" könnte ihr Gesichtsausdruck jetzt sagen. Als Maxine dann losschreit, finden das ihre beiden Geschwister überhaupt nicht schön. Aber so ist das. Jetzt müssen die Eltern erklärend eingreifen und plötzlich gibt es sogar ganz liebevolle Streicheleinheiten für den kleinen Säugling.

Es soll ja Väter geben, die ihr neugeborenes Kind in fröhlicher Männerrunde ordentlich mit alkoholischen Kaltgetränken begießen. Ordentlich heißt in der Rhön mindestens bis zur einseitigen Gesichtslähmung. Man nennt das perverserweise Baby-Pinkel-Party! Igitt!!! Da haben wir heute doch noch was Besseres vor. Ich habe meinen beiden Mäxe zum Pizzaessen eingeladen. Das gehört natürlich zu den angenehmen Seiten des Vaterseins. Doch meine beiden Trabanten haben heute nicht viel Hunger. Die Aufregung nach dem Baby-Besuch wirkt scheinbar noch nach. Auf der Heimfahrt muss ich mir zum x-sten Male die Geschichte von Aga Knack und dem Traumzauberbaum anhören. Mittlerweile kann ich die Geschichtenlieder meiner Kinder super mitsingen. Und beide sind absolut begeistert. Willkommen im Babyjahr, lieber Jürgen!

 

Donnerstag, 17. April 2008

Heute geht es ins Ländle, nach Baden-Württemberg, genau genommen nach Urbach. Das liegt bei Schorndorf. Und Schorndorf ist nicht mehr weit von Stuttgart weg. Dort findet ein landesweiter Streuobsttag statt und ich bin als Referent eingeladen. Da Sylvi noch im Klinikum ist, beginnt jetzt ein ganz normaler Tag eines „Trotz-Babyjahr-Referenten". Vortrag vorbereiten und Auto mit Apfelsherry und Informationsmaterial beladen bis 1.30 Uhr. 270 Minuten schlafen, dann mit den Kindern um 6 Uhr kuscheln und anschliessend aufstehen, Morgentoilette und gemeinsames Frühstück. Zeitung irgendwie auch noch zwischen dem Brote schmieren lesen und dann Max in die Schule schicken. Schnell noch duschen, Notebook und Unterlagen einpacken und Maxima zum Kindergarten fahren. Vorher noch die CD mit den Geschichtenliedern aus dem anderen Auto holen (Sch..., wo ist jetzt der Schlüssel?), damit Maxima gut drauf ist. Und das sind wir heute morgen alle drei, inklusive Max. Na also, das geht doch alles. Um 8.30 bin ich im Kindergarten und um 12 Uhr in Urbach. Perfekt!

Nachdem ich einen Blick in den vollbesetzten Saal werfe, stelle ich fest, das hier knapp 200 Leute sitzen, überwiegend Bürgermeister und Funktionäre. Schnell stelle ich meinen Vortrag noch um. Jedes Publikum erfordert seinen eigenen Vortrag und Vortragsstil. Ich habe ja noch jede Menge Zeit. Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen gibt es heute ein sehr authentisches Mittagessen zum Thema „Regionale Identität". So macht das Arbeiten Spaß. Bevor ich selbst auf die Bühne muß, höre ich mir noch einige Passagen meiner Vorredner an. Da geht es um die Region. Und um Profil. Irgendwann höre ich das Wort Marke. Und muss zwangsläufig an das Thema Dachmarke Rhön denken. Da gab es ja am Montag, dem 14. April einen Termin, dem ich nicht beiwohnen konnte. Weil ich gerade mal was wesentlich sinnvolleres zu tun hatte (siehe Eintrag 14.4.). Manchmal ist es besser wenn man nicht auf allen Hochzeiten tanzt. Ich werde demnächst die Zahl dieser Hochzeiten noch stärker reduzieren.

In meiner geliebten Rhön wird jetzt bereits im dritten Anlauf versucht, eine schlagkräftige Dachmarke zu initiieren. Ich kann da nicht mehr zusehen. Da ich weiß, das viele Unternehmenberater, Regionalentwickler aber auch politisch Verantwortliche Leser meines Tagebuchs sind, hier meine Tipps aus eigener, sehr schmerzhafter Erfahrung, wie man es auf keinen Fall machen sollte:

- Machen Sie nie einen frisch von der Schulbank kommenden Mann oder Frau zur Markenmanager/in, und ist deren Diplomarbeit zu solch einem Thema noch so gut. Tun Sie es bitte nicht.

- Machen Sie auch nie den Bock zum Gärtner und versuchen Sie auf gar keinen Fall, politisch Verantwortliche als Ideengeber zu installieren. Auch wenn die unbedingt wollen, machen Sie es nicht. Ich weiß, warum!

Aus der Fuldaer Zeitung entnehme ich zufällig am Abend die Finanzierungsstruktur unserer Dachmarke Rhön, Teil 3:

Insgesamt stehen 200.000 Euro zur Verfügung. Na ja. Zumindest erst einmal auf dem Papier. Davon werden 80.000.- Euro für Marketingmaßnahem ausgegeben. Eine Wahnsinns-Summe, sagt einer der 5 Landräte, der bei dieser Aussage so weit denkt wie eine dicke Sau hüpft. Denn: Wenn man diesen Betrag einmal auf die 200 Dachmarkenbetriebe herunterbricht, bleiben pro Betrieb 400 Euro. Super. Das kostet ja schon eine kleine Zeitungsanzeige.

Hallo! Das ist doch keine Größenordnung für den leider mittlerweile dritten Start-up-Versuch einer Dachmarke Rhön!!!

So. Und dann sind noch die 120.000 Euro für Management und Verwaltung. Ich kriege einfach die Türe nicht zu. Da machen sich einige Leute wieder mal die Taschen ordentlich voll. Und Unternehmer werden wie Stimmvieh behandelt. Ab und an zu Info-Veranstaltungen eingeladen (immer dann, wenn es brenzlig wird) und von den Schlipsträgern auf dem Podium an der Nase herum geführt. Wie mit öffentlichen Geldern umgegangen wird, das ist unglaublich. Mir persönlich tut das unheimlich weh, weil ich der Überzeugung bin, das Steuern notwendig sind. Und ich lieber Steuern zahle, als irgendwelche schwachsinnigen Steuersparmodelle in den Sand zu setzen. Denn wer Steuern zahlt, hat auch einen gut laufenden Laden.

Liebe Regionalentwickler, Berater und andere. Verfolgen Sie weiter die Entwicklung der Dachmarke Rhön - aber bitte, bitte: Handeln Sie anders!!! Sie wissen ja, heutzutage muss man antizyklisch handeln. Wenn alle Regionen Deutschlands eine Dachmarke brauchen - vielleicht sollten Sie was anderes machen?

Der Kopf ist doch rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.

 

Sonntag, 20. April 2008

In unserer kleinen Gemeinde ist das Fußball-Fieber ausgebrochen. Das junge Team der SG Ehrenberg ist zweimal hintereinander aufgestiegen und schickt sich an, dieses Kunststück ein drittes Mal zu vollbringen. Heute kommt mit Borussia Fuldas Reserve der Tabellenführer. Grund genug, unsere Mannschaft mal wieder zu unterstützen. Also packe ich den Ehrenberg-Fanschal ein und mache mich zum Fußballplatz. Knapp 1000 weitere Leute sind auch da. Und das ist oft so. Wenn wir aufsteigen, sind wir bereits sechstklassig. Haben aber schon jetzt einen Zuschauerschnitt wie in der Regionalliga. Leider geht dieses Klassespiel mit 2:4 verloren. Es war aber trotzdem mal ein anspannend-entspannender Nachmittag. So etwas muss man sich auch mal gönnen - inklusive Bratwurst und Bier. Das gehört zu einem Fußballspiel einfach dazu.

 

Mittwoch, 23. April 2008

Apropos Bier: Heute ist der Tag des Deutschen Bieres. Und deshalb braue ich mit Katja, der Hotelfachfrau-Azubine meines Brauer-Kollegen HaLu mein Sommerbier ein. Wir haben es „Bierotik" genannt und es soll ein attraktives Blondes mit gutem Körper und roten Strähnchen werden. So habe ich es jedenfalls meinem Braumeister erklärt. Und unsere Kreativität hat Erfolg: Der Fränkische Tag berichtet auf seiner Aufmacherseite darüber. So macht das Arbeiten schon am frühen Morgen richtig Spaß...


Donnerstag, 24. April 2008

Meine Frau hat heute Geburtstag und wir machen am Nachmittag unseren ersten Ausflug mit jetzt drei Kindern. Ist schon irgendwie anders - mit drei Kindern. Die Leute schauen schon mehr hin, sind aber bis jetzt auch sehr freundlich. Ich hoffe, das bleibt so.


Freitag, 25. April 2008

Mein Gott, geht es mir heute gut. Zuerst Check beim Hausdoc. Der sagt es sei alles o.k. . Ich hake nach, denn als Wirt hat man ja schon Bedenken wegen Cholesterin, Leber und so. Er sagt, die Werte seien vorbildlich. Na, wenn das mal keine guten Nachrichten sind.

Am Mittag habe ich einen Vortrag in Bayreuth. In äußerst angenehmer Atmosphäre bei der Maisel-Brauerei. Und am Abend ist das Bayreuther Weißbierfest angesagt. Das kann man ja mal mitnehmen. Und dort treffe ich auch Jeff Maisel, den etwas anderen Chef dieser sehr bekannten Weißbierbrauerei. Wir kennen uns von verschiedenen Gastro-Foren und kommen fantastisch miteinander aus. Wir reden über Marktstrategien und über gute Biere - und um fast 3 Uhr morgens kommen wir nicht mehr vom Brauereigelände runter, weil alles abgesperrt ist. Zum Glück hat Jeff die Schlüssel - ich falle todmüde ins Bett.


Samstag, 26. April 2008

Um 6 Uhr klingelt der Wecker - in diesem Fall der meines Handys. Für drei Stunden Schlaf musste ich ein Hotelzimmer nehmen, reine Geldverschwendung. Es geht direkt zurück nach Hause, denn dort steht vier Stunden später eine Bärlauch-Wanderung mit unseren Rhönerlebnis-Gästen an. Endlich gibt's mal schönes (April)Wetter und der Tag vergeht wie im Flug. Bärlauch sammeln auf einer zweistündigen Wanderung (ein hervorragendes Mittel gegen meine leichten Kopfschmerzen), gemeinsam eine Riesensuppe für 40 Personen kochen, ApfelSherry-Proben im Gewölbekeller und zum Schluß die Lammkeulen tranchieren. Gegen 23 Uhr bin ich komplett ausgelutscht und gehe heute mal früh ins Bett...

 

Sonntag, 27. April

In meinem Terminkalender steht: 15 Uhr, Kelterei Söder, Sandberg. Auftritt mit Maike. Maike I. ist die Hessische Apfelweinkönigin und Geschäftsführerin der Rhöner Apfelinitiative, deren Vorsitzender ich bin. Außerdem steht da noch ein Termin mit Walther, meinem fleißigen Kelterhelfer auf den Plan. Der wollte mit mir über die Keltersaison 2008 reden. Da hilft alles nichts, ich muss beide Termine verbinden. Was fatale Folgen haben sollte...

Es ist ein genialer Frühsommer-Nachmittag, als ich mit Walther in Sandberg eintreffe. Dieses Rhöner Straßendorf liegt idyllisch auf einem Hügel mit fantastischer Aussicht. Diese Kelterei ist wahrscheinlich diejenige in Deutschland mit der schönsten Aussicht. Garantiert. Das Fest ist gut besucht und wir werden schon von ihrer Majestät samt Hofstaat begrüßt. Und schon haben wir zwei Halbe eines fantastischen selbstgebrauten Bieres in der Hand. Normalerweise trinkt man auf einem Keltereijubiläum ja Apfelwein - aber wir sind in Bayern. Und da ist bekanntlich einiges anders. Und der Söder-Junior Hubertus hat einen Maibock gleichen Namens eingebraut. „Lieber ein hervorragendes Bier als einen durchschnittlichen Apfelwein", denke ich bei mir. So gegen 17 Uhr habe ich mich dann endgültig um meine Fahrtüchtigkeit getrunken und so werden Walther, Maikes Freund und ich später von Maike nach Hause chauffiert. Kleines Frühstück, kein Mittagessen, stattdessen knallende Mittagssonne und Maibock. So schießt „Mann" sich ab. Den Absacker zu Hause lasse ich stehen und bin bereits um 21 Uhr im Bett.


Montag, 28. April

„Du solltest öfter früher ins Bett gehen. Du bist ja richtig gesprächig heute morgen" sagt meine Frau Sylvi. Sie hat Recht. Freiwillig gehe ich normalerweise nicht schon drei Stunden vor Mitternacht schlafen. Aber es hat mir richtig gut getan. Nachdem Max in der Schule und Maxima im Kindergarten ist, fährt mich Walther zu meinem Auto. Ich nutze die Gelegenheit, und recherchiere noch im Nachbarort Premich ein wenig für mein in Kürze erscheinendes Buch. Ein Buch über die Durchquerung der Rhön auf dem Premium-Wanderweg „Hochrhöner". Und in Premich hat es uns damals kalt - oder soll ich besser sagen „trocken" erwischt. Jedes Lokal, jeder Bäcker, jeder Metzger hatte zu. Es war Montag, 12.30 Uhr. Da geht in vielen Dörfern gar nichts mehr. Und ein Lokal im Ort hatte damals „Betriebsferien". Es sah damals aber her so aus, als hätte der Wirt Hals über Kopf die Flucht ergriffen. Nach knapp 9 Monaten schaue ich heute einfach aus Neugier noch mal in diesem Lokal vorbei. Und siehe da: „Wegen Krankheit geschlossen!" Es ist einfach unfassbar. Wenn du als Wanderer in so einem Kaff hungrig und durstig ankommst (so wie Harald und ich im Juni 2007), dann hast du wirklich verloren.

Ich laufe noch ein Stück bergan, was mir heute morgen garantiert nicht schadet und genieße noch ein wenig Rhöner Natur pur! Denn schon gegen Mittag muß ich weiter Richtung Eifel, wo ich am Abend die Kollegen meines Gastro-Netzwerks begrüßen werde. Morgen muß ich dann noch nach Feuchtwangen - auch nicht gerade um die Ecke.

Mittwoch, 29. April

Ich bin bereits um 4 Uhr in der Früh aufgestanden und fahre ungefrühstückt von Feuchtwangen zurück nach Seiferts. Dort bin ich um 7 Uhr und kann noch mit meiner Familie frühstücken. Allerdings nicht lange - denn ich bekomme jetzt eine ganz besondere Lieferung. Meine Frau möchte natürlich wissen, was da so früh am morgen in meinen Keller eingelagert wird. Da ich (schon wieder) gut drauf bin, antworte ich mit einem Zitat von Heinz Erhardt: „Das Leben ist nicht schwer, hast du im Haus Likör." Wie wahr! Und davon habe ich jetzt einige Hektoliter. Natürlich muss ich mich meiner Frau erklären. Und so erzähle ich ihr, das einer meiner Seminarkunden gerne in Naturalien bezahlen wollte. Ich erkläre ihr, das Tauschhandel zur Zeit sowieso das bessere Geschäft ist. Nicht umsonst hat das hunderte von Jahren prächtig funktioniert...

Donnerstag, 1. Mai

Vatertag und Tag der Arbeit. Und ein schlechter Tag für die Gastronomie, wenn zwei solch umsatzträchtige Termine zusammen fallen. Nach so einem miesen April mit Schlechtwetter am Stück kein toller Start in den Wonnemonat. Am Morgen gratuliert Max mich sogar zum Vatertag und ich erhalte sogar ein kleines Geschenk. Unsere äußerst gebärfreudige Bundesfamilienministerin will diesen Tag ja komplett abschaffen. Weil Männer sich an diesem Tag nur ins Koma saufen - so ihr schlüssiges Argument. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie realitätsfremd doch Politiker nach einigen Jahren in Amt und Würden werden. De denken doch ALLE so weit, wie eine dicke Sau hüpft! Diese Obermutti der Nation solle sich mal hier in unserer „Krone" umschauen: Die Väter sind unterwegs mit der ganzen Familie, einige wenige auch nur mit ihren Kindern. Und die Frau tut zu Hause dann das, wozu sie am Muttertag wahrscheinlich nie kommt. Und kein Mann betrinkt sich hier - nur weil Vatertag ist. Eine Männergruppe ist den ganzen Tag mit dem Mountainbike unterwegs. Nach drei Bier sind die um 23 Uhr total erledigt. Besaufen am Vatertag??? Theoretisch gibt es hierzu noch 364 andere Gelegenheiten im Jahr.


Montag, 5. Mai

Heute vor 8 Jahren kam unser Sohn Max(imilian) auf die Welt. Morgens um kurz vor 3 Uhr. Max weiß jetzt schon ganz genau, das er mal Wirt werden will. Jedenfalls schreibt er diesen Berufswunsch in jedes Freundschaftsbuch hinein. Und das konsequent. Eine Grundvoraussetzung bringt er bereits mit: Er liebt Publikum (also Gäste) und steht gerne auf einer Bühne (Theke). Seine Zirkusshow mit seinen jungen Geburtstagsgästen war jedenfalls gekonnt von ihm moderiert. Eben ein echter Krenzer. Da werde ich ja noch viel Spaß haben...

 

Dienstag, 6. Mai

Unsere Tochter Maxine ist unglaublich. Das klitzkleine, gerade mal drei Wochen alte Mädel schläft nachts in unserem Bett und schläft durch! Jawohl, richtig gelesen. Sie schläft durch. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern ständig. Und ich habe mich schon auf kurze, schlafunterbrochene Monate eingestellt. Dafür werden jetzt die beiden Großen merkwürdig. Max kann plötzlich nachts nicht mehr schlafen und Maxima möchte auch noch am liebsten zwischen Mama und Papa ins Bett. Doch das geht nicht. Und deshalb gibt es diesbezüglich öfter mal Stress. Doch beide lieben ihre kleine Schwester. Heute morgen hat mich Maxine erst wieder so süß angelächelt - da kann der Tag doch nur ein Guter werden.

Am Mittag habe ich ein besonders einschneidendes Erlebnis zu meinem Lieblingsthema „Tourismus-Marketing". Folgendes ist passiert:
Auf Tisch 3 hat ein Mann gerade zu Mittag gegessen und möchte nun den Chef sprechen. Viele Chefs unter ihnen wissen jetzt was kommt. Nein, keine Reklamation. Der Mann möchte wahrscheinlich etwas verkaufen. Ich gehe an den Tisch und siehe da - ich habe Recht. Er ist Werbeberater eines Anzeigenblattes und er möchte ein „Spezial" über die Rhön machen. Dazu war er auch schon bei einem Tourismusbeamten in der bayerischen Rhön vorstellig geworden. So, und jetzt kommt der Hammer, denn er sagt: „Der Tourismusverband findet das gut und unterstützt unser Vorhaben sehr!"
Jetzt will ich es genau wissen, wie der Tourismusverband das „unterstützt". Er druckst ein wenig herum und meint dann: "Na ja, wir bekommen honorarfrei einige Bilder und natürlich die Adressen von Ansprechpartnern!"

Liebe Inhaber eines gesunden Menschenverstandes: So funktioniert Tourismusmarketing in der schönen Rhön im Jahr 2008. Da kriegen Werbefuzzis Adressmaterial, mit dem sie dann Anzeigen an die Leistungsträger (so nennen die Tourismusbeamten uns Gastronomen völlig zu Recht, denn wir dürfen letztendlich alles zahlen) verkaufen. Und die Werbemenschen tun das Ganze noch als offizielles Vorhaben ab. Viele Kollegen fallen auf solche meist noch miserabel gestaltete Anzeigenfriedhöfe herein. Der Tourismusbeamte holt dann noch einige todlangweilige Pressetexte von seiner verstaubten Festplatte und übersendet dem Werbeverlag noch Fotomaterial aus dem Jahr 1975. Ich habe Beispielseiten aus anderen Regionen - da ist es übrigens keinen Deut besser - gesehen. Wer stoppt endlich diesen Unsinn???


Mittwoch, 7. Mai

Heute feiert Max seinen offiziellen Kindergeburtstag. So etwas ist ja eine ganz heiße Kiste. Ein Kind (oder manchmal auch die Eltern) möchten die letzte Party immer toppen. Max ist zum Glück bodenständig geblieben. Seine Party hat immer einen regionalen Inhalt. So wurde zum Beispiel schon bei unserem Holzofenbrot-Bäcker Christof ein Kinderbacken veranstaltet und letztes Jahr hat unsere Jungköchin Eva einen Kochkurs mit den Kids gemacht. Heute bin ich an der Reihe. Nach dem Kuchenessen steht eine 5-Kilometer-Wanderung zu unserem Schäfer Dietmar Weckbach auf dem Programm. Dort werden Max und seine Freunde einiges über die Rhönschafe erfahren und natürlich auch Lammsalami, Brezen und Bionade verkosten. Meine Kinder lieben Bionade. Aber einige Kinder - auch an diesem Geburtstag - sind geschmacklich schon so geprägt, das ihnen eine Süßstofflimo besser schmeckt. Ein schöner Tag geht zu Ende. Mein Fazit: Regionalentwicklung ist selbst für Kinder spannend!


Samstag, 9. Mai

Heute, ja heute muss es endlich fertig werden. Ich habe es versprochen. Fast ein Jahr habe ich daran gearbeitet. Oft mit Spaß, manchmal war ich auch genervt. Das letzte Mal hatte ich im Spätsommer 1999 solch ein Kribbeln im Bauch: Ich habe wieder ein Buch geschrieben. Ein ganz anderes Buch als meine vier Bücher (von 1993 bis 1999) davor. Der Titel: „Ein Rhöner auf dem Hochrhöner". Es ist ein Erfahrungsbericht von einer viertägigen, 120 Kilometer langen Tour quer durch die Rhön. Und jetzt, heute morgen habe ich mich seit 7 Uhr in meine kleine Privatküche eingesperrt, trinke etliche leckere, weil selbst aufgeschäumte Milchkaffees und muss bei Korrektur des ganzen Werkes sehr oft lachen. Das ist ein gutes Zeichen. Weil ich auch oft über mich selbst lachen muß. Ich schreibe noch einige Texte um und um Punkt 15 Uhr ist die DVD samt Bildern bei meinem Verlag in Fulda. Ein tolles Gefühl. Ich belohne mich (das ist wichtig, weil das tun wir viel zu selten) mit einer Brezel und einem Hausbrauerbier bei strahlendem Sonnenschein an der Fulda und hoffe, das es ein paar Leute gibt, die dieses Büchlein auch lesen (und kaufen).

Dienstag, 13. Mai

Am Morgen meldet sich ein Mitarbeiter unserer Gemeinde Ehrenberg telefonisch bei mir. Es geht um unsere private Müllentsorgung. Wir seien jetzt nämlich zu fünft - und da braucht man jetzt von "Amts wegen" eine doppelt so große Mülltonne. Ich schwanke gerade zwischen Lachkrampf und terroristischer Verbalattacke, als ich das höre. Jetzt ist unsere Tochter Maxine schon vier Wochen auf der Welt und man hat es in einer der einwohnerschwächsten Rhöngemeinden noch nicht einmal nötig, von „Amts wegen" zu gratulieren. Wäre halt vor der Ankündigung der Mülltonne ganz nett gewesen. Immerhin ist eine fünfköpfige Familie heute nicht mehr die Regel, aber in Ehrenberg kommt das schon noch öfter vor.

Immerhin kommt einige Tage später noch ein offizielles Begrüßungsschreiben des Bürgermeisters für unseren Neuankömmling. Und es gibt noch einen Gutschein für eine Rückbildungsgymnastik dazu. Da Ehrenberg eine durchaus innovative Gemeinde ist, erwägt unser Bürgermeister nun, im nächsten Jahr diese Bauch-Rückbildung auch für Väter anzubieten. Ein lobenswertes Vorhaben. Waschbrettbauch statt Waschbärbauch. Wenn das mal nicht die Geburtenrate in unserer Gemeinde noch weiter nach oben katapultieren lässt...


Mittwoch, 14. Mai

Der große Vorteil meines Babyjahres ist - neben der intensiven Zeit mit meinen Mäxen - das ich auch mehr Zeit habe, um mich um meine Obstwiesen zu kümmern. Und Apfelbäume benötigen auch Zeit und Pflege - gerade meine jungen, frisch gepflanzten Bäume. Anfang Mai habe ich bereits über 60 Baumscheiben angelegt, also die Erde rund um die jungen Bäume umgegraben und gehackt. Das ist richtig Schwerstarbeit - vor allem, wenn man es im Akkord macht. Heute habe ich dann die Wiese gemäht und irgendwas ins Auge bekommen. Als ich mit meinem kleinen Traktor nach Hause komme, sehe ich aus wie Stefan Raab nach seinem Boxkampf mit Regina Halmich. Landwirtschaft ist also nicht ganz ungefährlich. Meine Frau will mich sofort ins Krankenhaus schicken, doch ich weigere mich. Die meisten kommen da doch kränker raus als sie eingeliefert werden. Auch zum Arzt will ich nicht. Der wird auch nur das feststellen, was ich auch denke: Eine kurze, aber sehr heftige allergische Reaktion. Also nehme ich etwas Entzündungshemmendes in Form von Ingwerknolle und Kalzium (wozu habe ich schließlich Koch gelernt) zu mir und kühle das geschwollene Gesicht. Den Termin heute Abend im Rathaus muss ich aber absagen, denn da würde mich keiner mehr erkennen.


Samstag, 17. Mai

Heute ist der Termin. Rennsteig-Marathon 2008. Leider ohne mich. Ohne intensives Training halte ich keinen Marathon durch. In der Vorbereitungszeit war ich oft verletzt und konnte nur mit Schmerzen laufen. Das macht keinen Spaß. Jetzt sind die kleinen Blessuren an der Achillessehne zwar ausgeheilt - aber für dieses Jahr reicht es nicht mehr. Einen Halbmarathon laufe ich zwar immer noch aus dem Stand, habe aber keine Lust, das Laufterrain in Oberhof mit fast 7.000 anderen Läufern zu teilen. Das ist schon eine Massenveranstaltung. Außerdem ist die Anmeldefrist schon lange rum.

Jetzt müssen neue Ziele her: In 70 Tagen findet der von mir ins Leben gerufene „Rhönschaf-Lauf" statt - ein Halbmarathon für Genussläufer. Und am 16. Mai 2009 werde ich in Schmiedefeld zum letzten Mal bei einem Marathon an den Start gehen. Einmal noch, das muss sein. Außerdem braucht der Mensch Ziele - ich auch.

 

Mittwoch, 21. Mai

Heute Morgen habe ich das dringende Bedürfnis, den Ende des Tages nicht in meinem Laden zu verbringen. Es ist höchste Zeit, wieder mal ins geliebte Seßlach zu fahren. Das liegt bei Coburg und ist ein mittelalterliches Städtchen mit komplett erhaltener Stadtmauer und tollem Stadtkern. Dort gibt es auch noch (für mich wichtig!) ein kommunales Brauhaus. Dort wird noch Bier für das Volk - und für zwei volksnahe Wirte gebraut. Seit vielen Jahren - schon zu kinderlosen Zeiten - kehren wir bei Familie Franz im „Roten Ochsen" ein. Diese fantastische Familie besteht aus 6 (!) Kindern. Wir fühlen uns dort immer „ochsenwohl" und machen dorthin immer spontane Kurztrips - die Fahrtzeit beträgt gerade einmal eine Stunde. Mit drei Kindern - darunter Säugling und Schulkind - ist das jetzt nicht mehr ganz so einfach. Aber es geht. Wenn man sich organisiert und wenn man will. Und wir wollen! Denn Sylvi ist einverstanden und so befinden wir uns am Spätnachmittag inmitten der mittelalterlichen Kulisse der schnuckeligsten Stadt Oberfrankens.

Einfach nur ausspannen - das Handy bleibt ausgeschaltet auf dem Zimmer liegen. Ich kann das jedem nur empfehlen. Die Option zu haben, mal eben ganz schnell und ganz kurz einfach weg zu sein, das ist für mich der wahre Luxus.

Am Donnerstag ist Feiertag in Hessen und es geht um Punkt 12 Uhr auch wieder weiter. Aber man ist viel besser drauf.

 

Montag, 26. Mai

Es ist 5 Uhr morgens, als mein Wecker klingelt. Ich werde in Höchberg bei Würzburg dadurch relativ unsanft geweckt, doch ich habe meine Handy-Weckfunktion selbst vor 5 Stunden so programmiert. Heute steht ein Seminar für 30 Gastronomen und Hoteliers auf dem Programm - und das muss ich noch vorbereiten. Damit mir genug frische Ideen kommen, gehe ich erst einmal eine dreiviertel Stunde laufen - so lerne ich auch den Ort kennen. Gestern Abend war es nämlich schon 22 Uhr und fast dunkel, als ich eingecheckt bin. In diesem Seminar geht es um die gastronomische Vermarktung von regionalen Produkten - das ist natürlich für mich seminartechnisch ein „Heimspiel".

Da ich am Ende des Seminartages noch mein KRENZER 40 „Bierotik" in Bamberg abholen werde, bin ich mit meinem großen Apfelbus gefahren. Und darin ist jede Menge Platz für verschiedenste Utensilien - die ich heute unter anderem in Form einer Rhönschaf-ApfelSherry-Ideenkiste auch einsetzen werde. Ich freue mich sehr auf dieses Seminar, bin kurz vor Beginn auch ein wenig aufgeregt (zum Glück immer noch!) und die Teilnehmer sind ebenso wie ich gut drauf.

Beim Mittagessen vergleicht mich eine Seminarteilnehmerin mit „Calli" Calmund, den Ex-Fußball-Manager von Bayer Leverkusen. Sie kennen diesen Genussmenschen bestimmt auch. Ich bin erschrocken und schaue auf meinen Bauch. Na gut. Mal abgesehen davon, dass ich jetzt vor unserem Sommerurlaub ebenfalls mit meiner „Rückbildungs-Gymnastik" anfangen sollte, ist es doch noch ein weiter Weg bis zu „Callis" Traumfigur. Mal abgesehen davon - es ist auch gar nicht so einfach, als dreifacher Vater das Gewicht des kinderlosen Singles aus dem Jahr 1997 zu halten. Denn als Vater ist man ja auch der „lebende Schweineeimer". Eben einer, der das was das Kind nicht mehr ißt, eben noch aufisst. Damit das Wetter schön wird oder schön bleibt. Bei jetzt drei Kindern kommt da in Zukunft noch einiges mehr zusammen. Man(n) „wächst" sozusagen mit seinen Aufgaben...

Das Gespräch mit der Seminarteilnehmerin offenbart mir, das es aber doch Gemeinsamkeiten mit dem Ex-Fußballmanager (den ich übrigens immer sehr mochte) geben muss. „Die Kombination aus Leidenschaft und Kompetenz ist unschlagbar!" - das kommt mir doch sehr bekannt vor. „Positiv bekloppt" muß man sein. Recht hat er! Auf einen Mitarbeiter, der nicht ins Team passt, sollte man laut „Calli" eine Briefmarke kleben und ihn dann aus dem Fenster schmeißen. Klingt hart, stimmt aber. Es reicht ja das Fenster im Erdgeschoß. Ich muss diesen lebenslustigen Rheinländer - der jetzt als Unternehmensberater arbeitet - unbedingt einmal persönlich kennenlernen.

Am Abend fahre ich noch nach Memmelsdorf bei Bamberg, um die erste Charge meines am 23. April eingebrauten Sommerbieres abzuholen. Draußen ist es richtig heiß und ich bestelle mir beim Universum jetzt eine Brotzeit mit hausgebrautem, kühlen Bier auf einem der vielen Keller (ja, richtig gelesen. In Bamberg sitzt man nicht im, sondern auf dem Keller, der meist ein kastanienbeschatteter Biergarten ist). Und als ich in Memmelsdorf ankomme begrüßt mich mein Kollege und Freund Hans-Ludwig mit den Worten: „Jürgen, wenn wir das Bier verladen haben, mach' mer erst mal ne gescheite Brotzeit auf'm Keller!". Danke, liebes Universum. Es klappt doch.

Der "Keller" ist eigentlich die Brauerei Krug in Geisfeld, knapp 10 Minuten von Bamberg entfernt. Als wir dort ankommen, staune ich nicht schlecht: Neben dem allgegenwärtigen Keller- oder Hausbier gibt es hier eine ganz besondere Spezialität.

Ein Bier, gebraut wie ein belgisches Trappisten (=Kloster) Bier, aber eben in dieser schnuckligen Brauerei. Ich bin als Belgien-Bier-Fan entzückt. Soviel Gutes hatte ich gar nicht beim Universum bestellt. Auch die Brotzeit mit dem Fränkischen „Zwetschgebämmes" (ist bestimmt falsch geschrieben) ist vorzüglich. Das ist übrigens ein Rinderschinken, der mit Zwetschgenholz geräuchert wurde - daher der verwirrende Name. Der Abend ist sehr entspannend und um Mitternacht liege ich todmüde im Bett. Selbst die lautstarken italienischen Bierbrauer im Hof unterhalb meines Zimmers können mich am Schlaf nicht hindern. Am nächsten morgen möchte ich zum Frühstück wieder bei meiner Familie sein.

 

Sonntag, 1. Juni

Da heute ein Sonntag ist, ist am Mittag bei uns in der „Krone" ordentlich Betrieb. Christiane, meine Auszubildende im 1. Lehrjahr hat sich vorgestern an der Arbeit einen schmerzhaften Außenbandriss zugezogen und fällt erst einmal für mindestens zwei Wochen aus. Da muss ich wieder mal im Service ran. Back to the roots. Es macht Spaß, ist aber auch anstrengend. Ich sammle aber dabei wertvolle Erfahrungen. Erfahrungen, wie es meinen Mitarbeitern täglich ergeht. Welche Fragen Sie bekommen und welche besonderen Wünsche unsere Gäste haben. So kann ich meine Leute auch besser „trainieren", also schulen. Nach so einer Mittagsschicht gehe ich erst einmal laufen und fühle mich danach 20 Jahre jünger. Denn so habe ich das früher auch gemacht. Ist 20 Jahre her. Klingt verrückt, tut aber gut.

Am späten Nachmittag klinke ich mich aus und fahre mit meiner Familie auf den Kreuzberg, wo wir gemeinsam zu Abend essen. Ein wunderschöner, warmer Frühsommerabend lässt die Zeit wie im Flug vergehen. Als wir um 20.30 Uhr wieder in Seiferts sind, steht noch ein Apfelwein-Training (also eine Schulung) mit meinem Service- und Kelterei-Team auf dem Programm. Es ist die hohe Kunst des Service, beim ersten Gästekontakt zumindest zu wissen, was der Gast nun überhaupt nicht will. Dann sind die nächsten Schritte gar nicht mehr so schwer.

Solche internen Schulungen finden sogar Gäste interessant, denn wir machen diese Schulung inmitten unserer Wirtstube. Denn es muss ja auch alles probiert werden. Die Wirtschaft ist zwar um 21 Uhr leer, doch kurz darauf kommen neue Gäste. Und die finden dass, was wir jetzt machen ungeheuer spannend. Und wir spielen mit. So sind wir eben. Moritz berät die Gäste „live" und wir schauen, was er vom Gelernten in die Praxis umsetzt. Es gibt nichts Effektiveres als diese Trainingseinheiten am echten Gast.

Es wird viel gelacht an diesem Abend und das ist auch gut so. Denn nicht jeder meiner Leute hat immer so viel zum Lachen. Jeder hat eben auch so seine Problemzonen...

Als bei meinen Auszubildenden das Thema Berufsschule erwähnt wird, beginnt ein hitziger Diskussionsprozess. Alle sind frustriert. Die Situation eskaliert fast. Ich fasse das Thema Berufsschule einmal nachstehend zusammen:

- die Ausbildungsbetriebe verlassen sich auf die Berufsschule

- die Berufsschule verlässt sich auf die Ausbildungsbetriebe

- und die Azubis sind verlassen!

Wäre es nicht möglich, dass sich Berufsschule und Ausbildungsbetriebe ihre Lehrpläne (soweit vorhanden) austauschen? Das wäre zumindest ein Lösungsansatz. Die Berufsschule ist auch wirklich ein heikles Thema. Aber dieses Faß mache ich heute lieber nicht auf...

 

Freitag, 6. Juni

Wenn Sylvi und Manuela im Büro sind, geht es sehr kommunikativ und locker zu. Das ist spätestens seit heute Mittag anders. Denn die beiden werden mit dem Albtraum eines jeden Hoteliers konfrontiert. Und der heißt „Überbuchung im großen Stil". Irgendwo in unserem Buchungssystem hat sich ein dicker Fehler eingeschlichen und plötzlich ist kein Platz mehr für eine Gruppe, die schon vor langer Zeit Zimmer gebucht hat. Es macht natürlich keinen Sinn, irgendeinen für den Fehler verantwortlich zu machen. Oder ihn zu suchen. Es findet sich meist keiner. Also wird sofort nach Lösungen gesucht. Beide telefonieren sich die Finger wund, um Gasthöfe und Hotels in der Nähe zu finden, die noch Kapazitäten frei haben. Dummerweise liegt der überbuchte Termin genau auf dem Wochenende, an dem in der Rhön der Deutsche Wandertag veranstaltet wird. Es ist aussichtslos. An diesem Rucksack-Spektakel- Wochenende hat jeder seine Hütte voll. Selbst die, bei denen sonst tote Hose ist. Sch...!

Die Beiden sind schon fast am Aufgeben. Das ist aber in unserem Rhönerlebnis-Team nicht erlaubt. Trotzdem ist die Stimmung schlecht. Sehr schlecht. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Irgendwas wird sich finden. Damit die Hoffnung auch Realität wird (das geht ja nur, wenn man weitersucht, immer nur weitersucht...) kümmere ich mich um meine kleinste Tochter. Ich schiebe Maxine unaufhaltsam etliche Kilometer durch die Rhöner Natur. Wenn sie geschoben wird, ist sie ruhig. Es gefällt ihr, wie ich mich fast bis hoch zum Dreiländereck quäle. Schlafen will Maxine deshalb noch lange nicht. Zwischendurch führe ich noch die Leute von der Bionade über meine Obstwiese. Nichtsahnend von dem, was morgen über diese innovative Firma in der Zeitung steht...

 

Samstag, 7. Juni

„Kult-Limo wird um ein Drittel teurer!" Schon auf der Titelseite unserer Tageszeitung ist die Nachricht des Tages angekündigt. Bionade, nach Fanta und Sprite die beliebteste „Limonade" in Deutschland will seine Preise um 30% erhöhen. Erstaunlich erfrischend-anders die Begründung: „Man will sich durch den höheren Preis stärker von seinen Nachahmern absetzen. Denn das Original ist nun mal das teuerste Produkt". Endlich mal ein mutiger Schritt nach vorne. Endlich mal nicht das Geschwafel von Preisanpassung (so heißen ja heute selbst drastische Preiserhöhungen) aufgrund gestiegener Rohstoffkosten. Das kann und will keiner mehr hören.

Es ist kein Zufall, das ich mich mit meiner Frau vor drei Tagen über die Preisgestaltung unserer Rhönerlebnis-Pauschalen unterhalten habe. Natürlich werden wir auch kopiert. Plötzlich gibt es Kollegen, der auch „Schafwanderungen" anbieten und sogar mit Rhönerlebnissen werben. Nur sind die nicht so clever wie die Bionade-Mitbewerber. Begründung: Bei den Bionade-Plagiaten hat man nicht nur das Produkt inklusive Outfit mehr oder weniger kopiert, sondern auch in etwa die Preise. Das ist attraktiv, weil man da im oberen Segment mitspielt. Viele Kopisten (dieses Wort habe ich zum ersten mal in der Schweiz gehört) machen aber den Fehler, preislich wesentlich günstiger zu sein. Und wenn das „Original" schon einen hohen Bekanntheitsgrad hat, dann geht diese Strategie meistens in die Hose. Mal angenommen, das kopierte Produkt sei sogar besser als das Original „Bionade" (was bei den Bio-Limos aber nicht zutrifft) dann gibt es immer noch einen sogenannten „Qualitätsvermutungs-Effekt". Dieses Prinzip erleben wir oft in der Klamottenindustrie. Mein Boss-Shirt löste sich nach ein paar Wochen auf - das No-Name-Produkt trage ich immer noch. Eigentlich müsste es umgekehrt sein.

Heute Mittag wird Moritz mit einem unzufriedenen Gast konfrontiert. Auch das gehört zum Azubi-Leben. Er erzählt mir, das diese Dame die Bänke in unserer Gartenwirtschaft grausam findet (weil die meisten keine Lehne haben), die Beschallungsmusik wäre grässlich (war radio von HR1) und vor allem hat die Speisekarte Gemüsestreifen versprochen und der angeführte Lammtiegel habe aber nur Gemüsewürfel enthalten. Und davon noch viel zu wenige. Stimmt eigentlich alles. Ich habe es in den vergangen 15 Jahren nicht geschafft, die Gemüsestreifen im Lammtiegel als Gemüsewürfel umzutexten. Aber eines macht mich dann doch nachdenklich: Moritz erzählt, dass die Dame darauf hinwies „...auch in der Gastronomie tätig zu sein!" Das relativiert jetzt doch vieles. Viele Kollegen wissen hoffentlich, warum. Allen anderen erkläre ich diesen Umstand mal an geeigneter Stelle. Ich versuche, Moritz wieder aufzubauen, denn er und die anderen jungen Leute machen bei uns einen super Job. Manche Gäste ziehen einen dann runter und die nächsten (wirklich netten) Gäste leiden darunter. Das darf nicht sein.

 

Dienstag, 10. Juni

Heute Abend wird meine „Vatertauglichkeit" auf eine knallharte Probe gestellt. Sylvi ist im Rückbildungskurs und ich habe nun alle drei Kinder in meiner Obhut. Natürlich hatte ich auch schon einen Plan entwickelt, wie ich stressfrei durch den Abend komme. Denn wenn Maxine hungrig wird, dann habe ich als Vater ohne Muttermilch ein richtiges Problem. Doch wie heißt es so schön: „Planung ersetzt den Zufall durch Irrtum!" Denn als ich zur „Kinderübergabe" am späten Nachmittag nach Hause komme, versucht Max verzweifelt und mit einer konsequenten Unlust seine Hausaufgaben zu machen. Die Uhrzeiten stehen heute auf dem Plan - und mein Sohn kommt damit nicht klar. Da ich mich intensiv - aber ohne Erfolg - um ihn kümmern muss, werden die beiden Mädels vernachlässigt. Während Maxima fröhlich im Bad rumplanscht (weil ja keiner nach ihr schaut) wird Maxine unruhig. Die mittlerweile ziemlich schlechte Stimmung zwischen meinem Sohn und mir hat sich auf das gerade erst 8 Wochen alte Baby übertragen. Als ich dann Maxima aus dem vollgeplanschtem Bad hole und sie zurechtweise schreien alle drei Kinder. So hatte ich das eigentlich nicht geplant. Vater zu werden ist wahrlich nicht schwer, Vater zu sein dagegen sehr...

Jetzt braucht es eine pragmatische Konfliktlösungs-Strategie. Und die sieht heute ausnahmsweise so aus: Ich setze Maxima und Max (obwohl es beide absolut nicht verdient haben) nach dem Abendessen (es gibt Bio-Pizza extra ohne Gemüse, da meine Kinder Grünzeug noch nicht mögen) vor den Fernseher. Doch die beiden können sich noch nicht einmal auf einen Film einigen. Ich lege die Ratatouille-DVD ein. Die mögen beide. Vor allen Dingen natürlich die lange Laufzeit. Mit Maxine gehe ich jetzt eine Runde spazieren. Das mag die Kleine - obwohl sie heute ausnahmsweise dabei nicht einschläft. Als ich auf dem Rückweg kurz in meinen Betrieb hineinschaue (das sollte man natürlich nie machen) brennt dort die Hütte. Und Larissa ist alleine im Sevice. Zum Glück ist meine Mutter da. Ich drücke ihr Maxine in die Arme und helfe schnell hinter der Theke aus. Es kann ja nicht mehr lange dauern, bis Sylvi zum Glück wieder zurück ist. Eine Stunde später bin ich völlig fertig.

Liebe Mamas auf dieser Welt, ich ziehe den Hut vor eurer Leistung, die ihr täglich mit viel Leidenschaft bringt. Die aber leider viel zu selten anerkannt wird. Ich habe in vier Stunden versucht, alles unter einen Hut zu bringen. Puhhh! Und ich wäre (fast) gescheitert.


Mittwoch, 11. Juni

Die Fuldaer Zeitung berichtet heute, das der Fremdenverkehrsverband Rhön e.V. zum Jahresende aufgelöst wird. Und es soll einschneidende Reformen für 2009 geben. Jetzt wage ich einfach mal eine Prognose, wie die Reformen der öffentlichen Hand aussehen. Der ganze Verband bekommt einen neuen Namen und wird in einer kreiseigenen Dienstleistungs-GmbH eingegliedert. Der Geschäftsführer wird von Fulda auf die Wasserkuppe „befördert" und sieht die Welt jetzt noch nebulöser, da die Wasserkuppe oft wolkenverhangen ist. Dafür werden wahrscheinlich fähige Mitarbeiter, die dort oben auf der Wasserkuppe im Info-Zentrum einen guten Job machen entlassen oder versetzt. Ändern wird sich schon was. Es wird nämlich noch schlimmer werden.

Immer wenn es Veränderungen geben soll, handeln die Verantwortlichen in Strukturen. Da werden eben andere Organisationseinheiten geschaffen. Es wäre besser, sich von denen, die die falsche Denkweise haben, zu trennen. Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Kann der Kopf das nicht (mehr), dann muss er weg. So leid es mir tut. Es geht doch hier um eine ganze Region.

Über Veränderungen wird in unserem Land oft gesprochen. Doch damit macht man es sich viel zu einfach. Oft erlebe ich es, das man in der Getränkebranche andere Etiketten einführt, um so Veränderungen zu dokumentieren. Das ist allerdings der letzte Schritt eines Erneuerungsprozesses - und nicht der Erste. Aufräumen muss man von innen nach außen. Und nicht umgekehrt. Aber das begreift oft noch nicht einmal die Privatwirtschaft. Was will man da von der öffentlichen Hand erwarten?

Donnerstag, 12. Juni

Es ist jetzt 17 Uhr und ich sitze im Zug von Innichen nach Franzensfeste. Von dort aus geht es weiter nach Bozen. Frau Caumo vom Südtiroler Hoteliers- und Gastwirteverband nimmt mich dann per Auto nach Meran mit. Dort ist dann morgen das letzte meiner drei Seminare, die ich zur Zeit in Südtirol halten darf. Gestern am späten Abend hatte ich einen Vortrag im Ahrntal, heute ein Teamtraining in Innichen und morgen steht das Thema „Pfiffige Werbetexte" auf dem Programm. Langweilig ist es mir also nicht.

Wenn ich Glück habe, kann ich noch die letzten 30 Minuten des EM-Spiels Deutschland - Kroatien schauen. Frau Caumo hat mir versprochen, schon mit laufendem Motor vor dem Bozener Bahnhof zu warten. Und was sie verspricht, hält sie auch...

Das Wetter ist südtiroluntypisch durchwachsen. Ständig regenet es und richtig warm wird es erst, wenn die Sonne scheint. Der Alpenraum wird zur Fussball-Europameisterschaft nicht gerade verwöhnt. Überhaupt scheint die Euphorie sich hier in Grenzen zu halten. Alle Anrainer der Alpen - bis auf Deutschland - haben ihre ersten Spiele verloren. Die Schweiz ist sogar gestern (leider) augeschieden. Dann bin ich mal gespannt, wie Österreich und Deutschland heute spielen. Das Hotel „Aurora" - mitten im Zentrum Merans gelegen ist mir vertraut und schon ein Lieblingshotel geworden. Und ich freue mich schon darauf, zwei Tage dort zu Gast zu sein. Der Seminarraum hat eine tolle Sonnenterasse mit Blick auf die berühmte Kurprommenade. Vielleicht gibt es ja in Meran ein bisschen Sommermärchen-Fußball-Stimmung. Schau'n wir mal...

 

Freitag, der 13. Juni

Der Wecker ist auf 5.45 Uhr gestellt. Obwohl mein Seminar erst um 9 Uhr beginnt. Eigentlich wollte ich einen ausgedehnten Morgenlauf auf meinem geliebten Tappeinerweg oberhalb von Meran machen. Meine Lieblings-Laufstrecke überhaupt!

Doch es geht mir schlecht. Und es regnet. Und zwar in Strömen. Und das in Südtirol! Die Schmerzen der Niederlage unserer Fußball-Nationalmannschaft gestern gegen Kroatien musste ich mit einigen Forst-Spezialbieren lindern. Reste von Forst-Bräu stecken wahrscheinlich noch in meinen Körper. Blöd, dass ich gestern Abend nichts gegessen habe. Das habe ich jetzt davon. Ich schlafe heute ausnahmsweise länger, bereite in Gedanken mein Seminar vor und frühstücke erst um 8.30 Uhr. Da habe ich auch wieder Appetit. Und dann direkt ins Seminar. Und siehe da - es funktioniert. Ich bin gut drauf und finde spontan einen guten Einstieg in mein neues Seminar. Alles wird gut. Und ich darf mich wirklich nicht beschweren. Heute sind 16 Teilnehmer da. 9 waren angemeldet. Und davon sind 14 weiblich. Sehr weiblich sogar...

Meinen verschlafenen Morgenlauf hole ich am Abend nach. Zu dieser Zeit läuft gerade das Fußballspiel der italienischen Nationalelf gegen Rumänien. Ein tolles Spiel. Und da Südtirol ja zu Italien gehört und hier sehr viele italienische Gäste sind, ist die Stimmung entsprechend. In einem Bistro mache ich Stop und schaue mit den Tifosi die letzten 10 Minuten. Ein Riesenerlebnis. Das Spiel endet 1:1 und ist wahnsinnig spannend. Das einzige, was einige Männer vom Spielgeschehen ablenkt ist das äußerst reizvoll-originelle Outfit der jungen Bedienung. Hotpants gewagt kombiniert mit knielangen Stiefeln und dazu ein typisch bauchfreies Azurro-Shirt von del Piero. Fast hätte ich Buffons artistisch gehaltenen Elfmeter verpasst. Aber nur fast...

 

Sonntag, 15. Juni 2008

Ich bin wieder zu Hause und darf meine heute 8 Wochen alt gewordene Tochter wieder in den Arm nehmen. Sie hat mich zum Glück erkannt und quietscht glücklich mit mir rum. Ein tolles Gefühl. Wir beide sind scheinbar ein gutes Team...

 

 

Dienstag, 17. Juni

Die Nacht nach dem Sieg gegen Österreich wird eine sehr Unruhige. Was aber nicht am Spiel und dem Feiern liegt, sondern an Maxima. Die hat einen schlimmen Husten und macht die Nacht zum Tag. Am nächsten Morgen schläft unsere 4jährige Tochter natürlich aus und ich hüte todmüde das Haus. Sylvi muss unbedingt die Buchhaltung machen. Es ist schon komisch. Du bist den ganzen Morgen, den Vormittag und über Mittag im Haus, du putzt, räumst auf, sortierst Unterlagen. Dann kümmerst du dich um eines (von drei) Kindern. Versuchst etwas zu arbeiten. Wirst dabei unterbrochen. Dann klingelt das Telefon. Anschließend versucht deine Tochter das vollgestopfte Sparschwein durch gnadenlose Zertrümmerung zu schlachten. Nach einer Ermahnung, die eher einer Erklärung gleich kommt, versuchst du wieder etwas zu arbeiten. Und plötzlich ist es 16 Uhr. Wo ist der Tag hin??? Das darf doch wohl nicht wahr sein!!!

Vor einer Woche (siehe Eintrag vom 10. Juni) hatte ich ja ziemlich viel Stress mit meinen drei Kindern. Heute Nachmittag (Sylvi ist ja wieder nicht da) soll es besser werden. Max schlägt vor, ein Picknick zu machen. Maxima möchte aber gerne ihre geliebten Weißwürste (beide Kinder können ihre München-Affinität zum Glück nicht verbergen) essen. Maxine hat glücklicherweise noch keine Meinung. Und so erfinden wir vier eine neue Art des Picknicks: Das Weißwurst-Picknick. Zuerst muss ich natürlich die Weißwürste heißsetzen. Währenddessen bestückt Max den Bollerwagen mit Getränken, Brezen, süßem Senf und Geschirr. Maxima hat sich sicherheitshalber schon mal in den Wagen gesetzt, den Max dann ziehen muss. Für mich bleibt noch der Kinderwagen mit Maxine inside. Das heiße Wasser wird natürlich von den Würsten abgeschüttet und der Topf ist jetzt Maximas Sitzheizung. Und jetzt ziehen wir knapp 200 (!) Meter weiter zu unserer kleinen Bank-Tisch-Garnitur am Rande unserer schönen Obstwiese. Ein Picknick hat den unglaublichen Vorteil, das man keine Krümel, verschütteten Apfelsaft oder sonstige Verschmutzungen im Haus hat. Ich bin erklärter Picknick-Fan. Alles klappt diesmal hervorragend. Um kurz vor 20 Uhr übergebe ich meine abgepicknickten Kinder an meine Frau und fahre noch zu einer Sitzung nach Wüstensachsen.

 

Donnerstag, 19. Juni

Heute haben wir Sommerklausur, d. h. wir ziehen intern eine kleine betriebliche Halbjahresbilanz und wagen schon einmal einen Ausblick auf das Jahr 2009. Unser Führungsteam trifft sich bei uns im Wohnzimmer und wir schmieden wieder einige wirklich gute Ideen. Die erste Hälfte des Jahres ist wieder viel zu schnell vorüber. Und wenn ich Mitte Juli aus meinem Urlaub zurückkomme geht es schon bald auf den Herbst zu. Und dann fliegen uns die Äpfel wieder um die Ohren. Und damit auch Weihnachten nicht so plötzlich kommt machen wir diese kleine Klausur.

Traditionell endet dieses Treffen mit einer zünftigen Brotzeit auf Kloster Kreuzberg. Und um mich schon einmal auf das Viertelfinal-Spiel der EM gegen die Portugiesen einzustimmen, ziehe ich das Deutschland-Trikot an. Das Spiel schaue ich gemeinsam mit Gästen und trinke dabei kein Bier, sondern Wasser. Man, bin ich aufgeregt. Denn die ersten 15 Minuten sind entscheidend. Doch alles wird gut und endlich zeigt unsere Mannschaft einmal, was sie alles draufhat. So kann es weitergehen. Mein Azubi Moritz feiert heute seinen Abschied. Und alle anderen Azubis haben diverse Kaltgetränke mitgebracht. Was die so alles für ein Zeug trinken, wenn sie nicht im Betrieb sind - unfassbar. Nix mit Bio und nix mit Regional. Stattdessen Wodka mit Erbeerbrei, spanischen Sekt und sogar ein bierähnliches Getränk, mit dem man sich den Regenwald schönsaufen kann. Ich habe versagt.

Zwei bis drei Jahre sind wahrscheinlich doch zu kurz für eine komplette Sensibilisierung. Aber vielleicht müssen die jungen Leute einfach mal ausbrechen aus dem Krenzersch'en Öko-Ghetto. Es sei ihnen gegönnt...

 

Samstag, 21. Juni

Die Russen kommen! Nie werde ich diesen Satz - ausgesprochen von Holländern - vergessen. Die Russen haben die Niederländer gestern zumindest fußballmäßig überrollt. Und sind damit ebenso wie Deutschland im Halbfinale der EM. Und ich erkläre Sylvi, warum ich nach diesem Spiel auf holländisch „Die Russen kommen!" skandiere:

Es ist garantiert schon über 30 Jahre her. Und in den 70er Jahren war die deutsch-deutsche Grenze bei uns traurige Realität. Wir hatten aber auch Gäste, die das faszinierend fanden - weil sie so etwas noch nie gesehen hatten. Darunter auch viele Holländer.

Wir hatten damals ein älteres holländisches Pärchen zu Gast, die regelmäßig am Nachmittag sich zum Ausruhen (!) ins Bett legten. Oberhalb von Seiferts befindet sich ein großer Steinbruch. Und dort finden auch heute noch Sprengungen statt. Zwei dieser Sprengungen werden an besagtem Nachmittag mit ohrenbetäubenden Lärm ausgelöst. Es dauert keine zwei Minuten, da stehen die beiden Holländer in Nachthemden in der Wirtsstube und schauen verschlafen-verstört drein. Der Mann hatte sogar schon die wichtigsten Utensilien gepackt und mit hinunter genommen. Unser Stammtisch war an diesem Nachmittag schon gut besetzt. Alle schauen. Keiner sagt was. Plötzlich bricht es aus der Frau heraus: „Die Russen kommen!!!". Das ganze Lokal bricht in Gelächter aus und man klärt die beiden auf, das dies nicht die Vorhut des Warschauer Pakts, sondern ein Sprengkommando vom Seifertser Steinbruch war. Kurze Zeit später sitzen beide (immer noch in ihren attraktiven Nachthemden) auch am Stammtisch und trinken erst einmal ein Beruhigungsbier...


Montag, 23. Juni

Ich bin gerade auf dem Sprung. Heute ist Gastro-Netzwerktreffen in Zuzenhausen im Kraichgau und ich muss noch einiges vorbereiten. Das Telefon steht heute (wie fast jeden Montagmorgen) nicht still. Aber das Telefonat, was ich heute entgegengenommen habe, hätte ich mir sparen können.

Da ich jetzt wirklich weg muss, werde ich darüber ein anderes Mal berichten. Aber das Thema Auszubildende, Ausbildungsbetriebe und unfaires Verhalten von Kollegen sollte man durchaus einmal thematisieren...

 

Fortsetzung folgt im Tagebuch Juli bis September!

 

 

 

 

 

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