Mein Babyjahr 2008 - das Tagebuch

Jürgen Krenzers Online-Tagebuch beschreibt auf authentisch-humorvolle Weise das Jahr, in dem er als Referent und Coach kürzertreten wird, sich um seine - bald - drei Kinder kümmern wird und "nebenbei" noch das Team seines Rhönschaf-Hotel und der Schau-Kelterei zu neuen Erfolgserlebnissen führen möchte. Ob das gelingt? Hier erfahren Sie es, Tag für Tag, Woche für Woche...

Eines vorneweg…

Warum überhaupt ein „Babyjahr“ – und warum ein Tagebuch?

Meine Frau Sylvi und ich erwarten Anfang April 2008 unser drittes Kind – oder besser gesagt unseren dritten „Max“, auch wenn es ein Mädchen wird. Und ich glaube, das dies ein Zeichen ist, in vielen ausserbetrieblichen Dingen – wie Seminare, Vorträge, Coachings etc. – einfach einmal kürzer zu treten. Immerhin mache ich diesen „Nebenberuf“ schon seit 15 Jahren und war im Jahr 2007 knapp 50 Tage „on tour“, oft mehrere Tage hintereinander. Und es macht mir immer noch sehr viel Freude.

Anfang Mai 2007, nach der erfolgreichen Präsentation meines ApfelSherries in Spanien und Seminaren in Südtirol hat mein Körper gespürt, dass ich definitiv „zu schnell“ unterwegs bin. Und im September kam die freudige Nachricht meiner Frau: „Ich bin schwanger!“. An diesem Tag saß ich im Auto vor meiner Hausbank – und dann fiel der Entschluss: „Babyjahr 2008 – ein Jahr für eine tolle Familie!“ Es ist ja auch einfach, im September Dinge zu entscheiden, die man erst ab Januar umsetzen muss. Doch jetzt ist der 1. Januar 2008 und ich sitze noch ziemlich müde an meinen ersten Planungen. Ja, natürlich. Ich mache es. Auch wenn es schwer fällt, kürzer zu treten. Und ich entscheide mich spontan, darüber ein Tagebuch zu schreiben. Tagebuch zu schreiben (man muss ja nicht täglich seine Eintragungen machen, mache ich ja auch nicht) kann ich jedem Menschen einfach nur empfehlen. Aber schlaue Empfehlungen aussprechen können ja viele. Ich mache es jetzt einfach. Erst vier Wochen später kam die Idee, dieses doch sehr persönliche Tagebuch „online“ zu stellen. Quasi für mich als von vielen Menschen kontrollierte Verpflichtung, auch konsequent zu bleiben. Und jetzt, wo ich in der Seminarszene für ein Jahr „außen vor“ bin (manche Kollegen munterten mich mit deutlichen Worten auf: „Ein Jahr Pause – für immer weg vom Fenster!“) kann ich ja auch mal mit etwas Abstand dazu Stellung nehmen. Was ich garantiert auch tun werde.

 

 

Mittwoch, 2. Januar 2008

Sylvi ist mit den Kindern und meinen Schwiegereltern in den wohlverdienten Winterurlaub nach Zeulenroda ins dortige Bio-Hotel am See gefahren. Jürgen allein zu Haus. Und jede Menge Gäste. Eigentlich wollte ich für einen Tag nachkommen. Keine Chance! Das operative Geschäft, wie Unternehmensberater den Dienst an der Front oft bezeichnen, macht trotzdem riesig Spass. Unsere neue Homepage ist gerade fertig geworden und es gibt jede Menge Anfragen zu bewältigen. Ich werde am PC kreativ und ersetze das Wort Buchungsbestätigung durch den Satz „Schäfchen ins Trockene bringen“. 5 Tage geht es so. Dann bin ich ziemlich platt. Doch unsere eigene JahresZielPlanung für 2008 steht auf dem Programm. Also keine Verschnaufpause, immer weiter. Man ist ja noch jung, das Jahr ist es auch...

 

 

 

Samstag, 26. Januar 2008

Es ist jetzt 18 Uhr 32. Ich sitze im ICE von Frankfurt nach Fulda. Die 3. Fachexkursion „Belgische Biere“ ist vor knapp 2 Stunden in Aachen zu Ende gegangen und meine einwöchige „Auszeit“ ist jetzt rum. Die Planungen für das Jahr 2008 sind weitestgehend gemacht. Intensive Analysen ebenso. Und was ich so in den letzten Wochen analysiert habe: Einen ganz anderen Lebenslauf habe ich in 2007 geschrieben, eigentlich nur für einen Amtsleiter in der Eifel. Aber viel zu schade, das der das ganz alleine liest. Deshalb ist diese Vita auf meiner Homepage gelandet. Und über mein ganz persönliches „Erleben“ der letzten 20 Jahre habe ich geschrieben. Auch darüber, wie ich mich in meiner Haut, immerhin mein grösstes Organ, wohl fühlte. Das halte ich im Moment noch unter Verschluß.

Ja, und jetzt ist schon der erste Monat rum – von meinem ganz persönlichem Baby-Jahr 2008. Was hat sich geändert, in diesem 1/12 Babyjahr? Also, wenn ich ehrlich bin, noch nicht viel. Ich war auch wieder viel (aber diesmal privat) unterwegs und ich habe mir viele Gedanken gemacht. Ich spüre etwas in mir. Etwas starkes. Es wird in 2009 einen neuen Aufbruch geben. Das Zusammensein mit meinen Freunden in meinem Bier-Lieblingsland Belgien - ein tolles Erlebnis. Gut gelaunte, positiv gestimmte Menschen – das ist das Wichtigste im Leben. Und so lief auch unsere – leider viel zu kurze – Tour.

Während der langen Autobahnfahrten (auch in Belgien gibt es so etwas) habe ich Zeit, einige Fachzeitschriften zu studieren. Ich bleibe an einem ganz normalen Artikel über die Stadt Bremerhaven hängen, die sich einen Berater als Vortragenden einer Tourismus-Veranstaltung eingekauft hat. Dieser Mensch hält den Gastronomen und Touristikern jetzt gnadenlos den Spiegel vor: „Die Region ist nicht sexy!“ so das Statement. Ich werde richtig sauer. Diesen affektierten Typen fällt wirklich nichts anderes ein, als jedem und jeder Region zu sagen, das sie nicht sexy genug sind. Die haben sich selbst noch nicht einmal morgens im Spiegel angeschaut. Sexy? – Na ja. Aber die beraten in Sachen Sex, sorry in Sachen Tourismus und Gastronomie einfach weiter. Plappern munter ihren noch nicht einmal selbst erdachten Schwachsinn daher und finden sich mit ihrer bunten Power-Point-Präsentation auch noch richtig toll. Das Endergebnis: Irgendwann sind wir alle oversexed – aber underfucked.

So weit lasse ich es auf keinen Fall kommen. Das waren so meine Gedanken beim Lesen von gastronomischer Fachlektüre. Viele Artikel brauchen eben doch keine Leser. Endlich sind wir an der belgischen Küste angekommen – ich schmeiße alle Zeitungen und Magazine weg und freue mich auf ein klösterliches Trappistenbier aus Westvleteren, angeblich das beste Bier der Welt. Mal sehen… Der letzte Abend im wunderschönen Brügge war ein Schlüsselerlebnis: Ich bin gut drauf und unterhalte die ganze Truppe. Ich philosophiere über 40 Jahre alte Frauen – ohne zu wissen, das ich gerade meinen Freunden Guy und Peter (beide 50 Jahre alt) Unbehagen bereite. Wir sind in zwei Kneipen unterwegs doch irgendwann bin ich müde – schalte auf Stand-bye und klinke mich aus den Gesprächen aus. Am nächsten Morgen meint Peter, ich wäre wohl eingeschlafen, was ich energisch abstreite. Aber seine Aussage, das mein gestriges Verhalten zu vergleichen ist mit dem Herausnehmen einer Batterie bei einem Spielzeugteddy bringt bildhaft den gestrigen Abend rüber. Mein Fazit: Jeder Clown braucht mal eine Pause. Und das passt jetzt genau zu meinem Baby-Jahr 2008. Ich bin der Chester, der Hofnarr. Aber der macht mal ne kleine Pause. Eine Pause, die er natürlich nutzt. Denn 2009 kommt schneller als wir glauben…

 

 

 

Mittwoch, 30. Januar 2008

Ich bin zu einer Veranstaltung eingeladen, auf der sich die besten Betriebe der Rhön unter dem Namen “Best of Biosphäre” zusammentun wollen. Eine gute Idee. Aber wie immer gibt es Zweifler. Menschen, die an nichts, noch nicht einmal an sich selbst glauben. Es fällt der Satz: „Wir brauchen Menschen, die sich Gedanken um ihre Region machen“. Dazu fällt mir ein, das leider immer mehr Menschen gibt, die sich lediglich Gedanken um ihren Posten (sei es in der Verwaltung, der Politik etc.) machen.

 

 

 

 

Dienstag, 5. Februar 2008

Ich komme gerade vom Bierbrauen aus Bamberg zurück. Es macht immer wieder einen Riesenspaß, einen Tag lang (und das viermal im Jahr) sein eigenes Bier selbst zu brauen. Klar, was ich nicht alles an vier Tagen im Jahre stattdessen machen könnte, man kann diese Arbeit schließlich auch delegieren. Aber warum soll ich etwas delegieren, was ich gerne mache? Mein Ski-Loipen-Wochenende mit Gästen liegt ebenfalls hinter mir. Die vier Tage Schnee habe ich optimal ausgenutzt. Es ist schon eine tolle Lebensqualität, hier in der Rhön leben zu dürfen. Fünf Minuten mit dem Auto – und schon ist man in einer der am besten gespurten Langlaufloipen der Republik. Gut, das ich hier nie richtig weg bin. Langlauf-Training ist optimal für die Figur – fast 90% der Muskulatur werden hier trainiert. Der Winterspeck muss runter – und er geht runter. Trotz Babyjahr habe ich mir vorgenommen, meinen letzten, den 5. Marathon am 17. Mai auf dem Rennsteig zu laufen. Definitiv! Denn kurz nach der Geburt unseres ersten Kindes habe ich mir das erste Mal diese Tortur angetan. Wer fit sein will muss eben ab und zu mal leiden, basta!

 

 

 

 

Donnerstag, 14. Februar 2008

Rückfahrt von Stuttgart nach Fulda. Es ist jetzt 9.35 Uhr und ich habe ein schlechtes Gewissen. War jetzt zwei Tage auf der Intergastra in Stuttgart, davon einen Tag als Vortragender. Meiner Frau Sylvi geht es nicht so gut, sie schleppt sich zum Arzt. Hat mich gerade angerufen. Die Grippe hat sie voll erwischt. Und das am Valentinstag!. Jetzt muss ich mir wirklich mal was einfallen lassen. Jedes Jahr 6 verblüffende Ideen rund um eine Beziehung halten diese frisch und munter. Das habe ich gestern auf der Messe von Daniel Zanetti gelernt. Sein Vortrag war echt klasse. Endlich mal einer, der nicht ständig wie andere davon redet, das alles sexy sein muss….

Gestern Abend war ich dann hundemüde – und schaute ausnahmsweise einmal fern. Natürlich öffentlich-rechtlich, schließlich zahle ich ja auch Gebühren. Frank Plasberg fragte in „Hart aber fair“: „Werden die Deutschen immer dicker?“. Die Antwort hat die Messe in Stuttgart gegeben: Ja! Wenn ich all den Convenience-Junk dort sehe und die vielen stark übergewichtigen Schüler, die sich mit diesem Zeug kostenlos zustopfen – dann wird mir schlecht. Aber es gibt auch Lichtblicke: Ich erblicke den kleinen Stand von Otto-Gourmet. Doch der hat ganz und gar nichts mit dem Otto-Versand zu tun. Es handelt sich um drei Brüder, die allesamt Genussmenschen sind. Und die haben irgendwann beschlossen, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Sie arbeiten mit den besten Fleischzüchtern der Welt zusammen und vermarkten Fleisch von spanischen Eichelschweinen und Wagyu-Rind aus den USA. Die Preise hierfür betragen ungefähr das zehnfache (!) des normalen Fleischpreises. Aber der normale Preis ist sowieso nicht normal. Ich darf eine ganze Platte mit kurzgebratenem Fleisch probieren. Das war so das Beste, was ich seit langem gegessen habe. Fleisch, das wirklich noch nach Fleisch schmeckt! Unglaublich gut. Ganz ohne Soße oder Butter. Köstlich. Nebenbei erfahre ich, das solches Fleisch, in jahrelanger sorgsamer Pflege gewachsen, ganz andere Werte im wahrsten Sinnes des Wortes hat. Diese Tiere werden nicht geschlachtet, sie werden in den Himmel gehoben. Der Eiweißanteil zum Beispiel ist um vieles höher. Solch ein besonderes Fleisch kann man nicht zubereiten wie alles andere, erklärt mir der engagierte Koch. Nur kurz auf beiden Seiten anbraten – und dann zieht das Fleisch von ganz alleine durch. Eben wegen dem hohen Eiweißgehalt. Ich bin begeistert. Danke, lieber Wolfgang Otto für diesen außergewöhnlichen Mittag mitten im Messestess.

Mein Fazit: Es gibt sie noch, die Helden des Genusses. Menschen, die ihr Produkt lieben und leben. Das wird auch deutlich, als ich die beiden Stände von Sinconada und Bionade ansteuere. Sinconada ist ein Bionade-Plagiat und wird von kaffeebraunen Bikini-Schönheiten angeboten. Die haben aber eigentlich keine wirkliche Lust und frieren mangels Bewegung an ihrem Stand förmlich ein. Bei der Bionade gibt es noch Menschen, die hinter ihrem Produkt stehen. Keine Show – sondern Kompetenz! Ich gönne euch diesen Erfolg so sehr!

Ach ja, eines habe ich von Wolfgang Otto noch gelernt:

Es gibt nur drei Gründe oder Motive für Menschen, sich anzustrengen:

Das erste und häufigste Motiv ist das Geld.

Reich werden wollen viele.

Das zweite Motiv ist die Macht.

Solche Menschen gehen meist in die Politik oder zum Militär.

Und das dritte und letzte Motiv: Manche Menschen möchten einfach „nur“ berühmt werden.

Für das beste Fleisch, den besten Wein, das beste Bier und so weiter.

Man sollte in Zukunft nur noch mit Lieferanten zusammenarbeiten, die berühmt werden wollen. Und nicht mit solchen, die reich werden wollen. Klingt logisch, oder?

 

 

 

 

Sonntag, 17. Februar 2008

 

Schon heute morgen riecht es nach Ärger. Mandy, meine Azubine im 3. Jahr berichtet mir, das eine Männergruppe, die außerhalb der Reihe eine KRENZER 40-Bierwochenende gebucht hat, ziemlich enttäuscht ist. Denn die sind von mir noch nicht einmal begrüßt wurden. Stimmt, denke ich. Irgendwie habe ich das durch das parallel stattfindende Teamseminar und das Apfeherry-Wochenende komplett verpasst. Sch…! . Was jetzt tun? Ein netter Herr aus dieser Gruppe kommt kurz darauf zu mir und sagt, das ich diese Situation jetzt noch heilen könnte. Denn noch ist die Gruppe da. Doch wer stellt sich vor eine Gruppe, die sauer ist. Sauer ist wegen mir! Ich springe über meinen eigenen Schatten und mache es. Und es war die richtige Entscheidung. Denn die Herren sind sehr interessiert am Konzept unseres Hauses – das hatte ich total unterschätzt. Fast zwanzig Minuten stehen wir noch im Hof und reden. Für die Zukunft gelobe ich Besserung. Es ist eben nie zu spät…

 

 

Donnerstag, 21. Februar 2008

 

Und schon wieder begehe ich einen heilsamen Fehler. Während ich für zwei Tage auf die BioFach – Messe nach Nürnberg fahre, nehmen meine Azubis Anne und Moritz an einem Koch- und Servierwettbewerb unter dem Motto „So schmeckt die Rhön“ teil. Die beiden haben sich selbst angemeldet, und ich habe das einfach so durchgewunken. Ich möchte an dieser Stelle einfach einmal darauf hinweisen, das viele Azubis von ihren Ausbildern oder Berufsschullehrern bedrängt werden, an solchen Wettbewerben teil zu nehmen. Das ist ja auch gut für das Image des Ausbildungsbetriebes. Aber ganz selten sind solche Wettbewerbe auch gut für die Azubis, wie nachfolgendes Beispiel gleich aufzeigt:

Für beide angehende Hotelfachleute geht es darum, eine regionaltypische Tischdekoration zu kreieren, ein Rhöner Menü zu schreiben und verschiedene Rhön-Cocktails zu mixen. So etwas Regionales ist ja eigentlich unsere Kompetenz. Eigentlich…

 

Das Unheil nimmt seinen Lauf, als mein Azubi Moritz gut gelaunt und locker mit einem schwarzen Poloshirt mit dem Aufdruck „…alles andere als lammfromm!“ zum Wettbewerb erscheint und seine Tischdeko zum Thema „Rhönschaf“ aufbauen will. Ein schon etwas in die Jahre gekommener Prüfer, der sogar offiziell bei der IHK zugelassen ist (die müssen scheinbar alles nehmen, was nicht schnell genug den Beruf wechselt) fragt Moritz, wo er denn ausgebildet wird. Das ist im übrigen die beliebteste Frage von Jurymitgliedern. Denn erst nach Beantwortung dieser Frage ist scheinbar eine objektive Bewertung des Azubis möglich... Moritz sagt, das er im Rhönschaf-Hotel „Krone“ in Seiferts arbeitet. Das hätte er besser nicht gesagt. Denn jetzt ist für seinen Prüfer „Reichsparteitag“. Endlich kann man dem „Krenzer“ mal eins auswischen – was sich dieser feige Mensch im normalen Geschäftsleben nicht traut. Endlich kann man mal so richtig auf den Putz hauen und endlich kann man mal rauslassen, was man vom „Krenzer“ so hält.

Dieser alte, konservative Servierwanst dreht jetzt nämlich durch – oder auf, je nach Betrachtungsweise. Er beschimpft Moritz wegen seinem Outfit („…na ja, in der Krone gibt es ja keine richtige Dienstkleidung“) und hält natürlich auch wenig von seinem Ausbildungsbetrieb („…Sie kennen ja keine Menüs in der Krone!“). Und viele Verachtungen erfolgen nonverbal. Es ist unfassbar. Wie kann man nur so mit jungen, wirklich guten und motivierten Leuten umgehen? Anne geht es ähnlich, nur weiß die sich ein bisschen besser zu wehren. Jetzt zählt natürlich jeder Fehler doppelt, und beide machen Fehler. Auch kein Wunder, bei der Einschüchterung am Anfang. Gewinnen tun andere, das war auch nicht anders zu erwarten. Das sehen auch meine beiden Azubis ein.

Doch was sie partout nicht verstehen wollen, ist die Art und Weise, wie sich vor allen Dingen einer der Wettbewerbssieger präsentierte. Hinter den Kulissen lustlos, unmotiviert („…mir tun ja jetzt schon die Füße weh“) und vom Chef zum Wettbewerb geschleppt (ich wusste es!). Und das schlimmste ist, das oft gegeneinander gearbeitet wird (…entschuldigen Sie bitte, das mein Kollege den Tisch schon abgeräumt hat, obwohl Sie noch essen. Er weiß es nicht besser…“). Ich bleibe dabei: In keiner anderen Branche der Welt (Ausnahme ist natürlich das älteste Gewerbe der Welt) wird so viel geschauspielert wie in der Gastronomie und Hotellerie. Unechte Chefs stellen unechte Mitarbeiter ein und die bedienen unechte Gäste. Und dann beschweren die sich beide noch über Letztere. Aber die wurden durch das ganze Unechte ja förmlich angezogen...

Man hat in der Gastronomie und Hotellerie bis heute noch nicht erkannt, das die Parameter Einstellung, Teamfähigkeit und soziale Kompetenz wichtiger sind als das richtige Einsetzen eines Weinglases oder oberflächliche Freundlichkeit. Mein Gott, wir leben im Jahr 2008, manche sind aber erst in den frühen 80ern angekommen.

Moritz und Anne, ihr seit meine Rhönerlebnis-Helden 2008. Ihr habt den Schützengraben „Wettbewerb“ überlebt. Sie haben auf euch geschossen und wollten eigentlich mich treffen. Doch wir lassen uns von gastronomischen Geisterfahrern nicht erwischen. Niemals! Ich danke euch dafür, das ihr so zu unserem Unternehmen steht. Auch wenn euer Chef keine Ahnung von Gastronomie hat. Und deshalb werden wir nie mehr an solch schwachsinnigen Wettbewerben teilnehmen.

So, jetzt geht es mir besser. Tagebuch schreiben ist echt eine gute Therapie. Sollten mal einige IHK-Prüfer ausprobieren...

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 29. Februar 2008 (Der SchaltJahr-Tag)

Dieser Tag ist ein Geschenk, das einem nur alle vier Jahre gemacht wird. Und dieses Geschenk gilt es zu nutzen. Da meine Tochter Maxima in 2 Tagen mit meinen Schwiegereltern auf die Kanaren fliegt (unsere Kinder kommen mit Opa und Oma wirklich rum in der Welt, denn Max fliegt im Sommer auf die Azoren und war auch schon einmal auf La Palma) habe ich vor einiger Zeit entschieden, Max für ein Wochenende in den Ruhrpott mitzunehmen. Dort bin ich als Rhöner Junge aufgewachsen. Viele Sommerferien habe ich dort mit den Kindern unserer „Krone-Gäste“ verbracht. Zu Zeiten, als das Ruhrgebiet wirklich noch der „Pott“ war. Hässlich und schwarz. Das hat sich gewaltig geändert. Unser Ziel ist Essen-Hauptbahnhof, und der ICE macht meinem Sohn richtig Spaß. Dort werden wir von Mathes abgeholt, der uns nach Kettwig bringt. Dort, in der tollen Wohnung von Lissy und Mathes werden wir ein entspanntes Wochenende verbringen. Das habe ich mir auch wirklich verdient, zumal ich immer noch nicht richtig fit bin. Einmal Husten – 4 Wochen lang Husten. So geht es mir jedenfalls. Alles fing am letzten Sonntag an, als wir unsere gute alte Theke ausgeräumt haben. Und am Montag hatte ich einen Vortrag in Elsterwerda – für mich völlig untypisch – morgens hin, am Abend wieder daheim. Ich hasse das. Nicht, das ich nicht gerne zu Hause bin, aber das ist doch eine richtige Hetze. Ich glaube, viele meiner Referentenkollegen wissen zwei Tage später nicht mehr, wo sie gerade waren. Dabei ist es doch so wichtig, ein bisschen was von der Region, in der man sich für eine kurze Zeit befindet, zu erfahren. Ich jedenfalls kenne ich mich deshalb in Deutschland aus – und in Elsterwerda war ich schon einmal im Jahr 2002. Am Abend ist die „Krone“ eine einzige Baustelle. Alles im Thekenraum ist abgerissen, kein Stein blieb auf dem anderen. Ich kann mir im Moment noch gar nicht vorstellen, wie das hier in drei Tagen aussehen soll.

 

Zum Glück ist ein Vortrag in Xanten am Niederrhein ausgefallen – so konnte ich zumindest am Dienstag zu Hause sein und mich um die Baustelle kümmern. Da ich handwerklich nicht gerade geschickt bin, beschränkt sich meine Hilfe aufs Aufräumen und aufs Organisieren. Beides zelebriere ich allerdings dann in Perfektion.

Mittwoch hatten wir eine große Firmenveranstaltung – und ich ohne Stimme und mit Husten immer gut drauf und vorneweg. Gegen 23.30 war die Gruppe weg - und ich am Ende.

Doch schon am Donnerstag, Punkt 4.45 Uhr klingelte der Wecker. Ich hatte mit meinem Service-Team ein Seminar in Ingolstadt gebucht. "Service-Organisation", so der nüchtern klingende Titel.

Es ist unglaublich, was (m)ein menschlicher Körper so aushält. Obwohl ich am Morgen bei der Abfahrt fix und fertig war, ging es mir am Nachmittag wieder richtig gut. Was sicher auch am tollen Seminar lag. Es lohnt sich eben doch, für einen guten Referenten ein paar Scheine mehr auf den Tisch zu legen. Und als ich dann am späten Abend unsere neue Theke gesehen habe, da dachte ich mir: Strapazen lohnen sich also doch! Denn unser neustes Projekt ist richtig gut geworden. Olaf sei Dank. Olaf ist der Schreiner, der mit meiner Frau das ganze geplant und realisiert hat.

 

So, und jetzt ist Feitag. Ich gehe mit meinem Sohn um 23 Uhr ins Bett. Ich bin hundemüde. Morgen wollen wir in den Zoo. Nach Duisburg. Zu den Delphinen. Und das hat einen Grund…

 

 

 

Sonntag, 1. März 2008,

Um kurz nach acht Uhr werde ich wach. Mein erster Gedanke: Heute vor 10 Jahren, also am 1. März 1998 hatten wir zum ersten Mal einen Apfel-Brunch veranstaltet. Eine echte Innovation, die natürlich von vielen meiner Gastro-Kollegen abgekupfert wurde. Spontan erkläre ich den 1. März zum Tag des Apfel-Brunches und beschließe für mich, am 1. März 2009 einen tollen Jubel-ApfelBrunch zu machen. Und jedes Jahr diesem Termin zu gedenken. Denken Sie auch manchmal an solch einen „Schwachsinn“, wenn Sie morgens aufwachen? Herzlichen Glückwunsch, dann leben Sie Ihren Beruf!

 

Es ist göttlich, einmal fast zwei Stunden zu frühstücken. Und anschließend noch in Ruhe die Neue-Ruhr-Zeitung zu lesen. Lissys Omelett und Sekt vom Riesling – so kann ein stürmischer „Emma“-Tag beginnen. Gegen Mittag geht es dann nach Duisburg in den Zoo. Der Höhepunkt ist natürlich die Delphin-Show, die ich hier an gleicher Stelle schon als 10jähriger erleben durfte. Die habe ich meinem Sohn versprochen. Denn er liebt Delphine. Die meisten Menschen lieben Delphine. Weil Delphine auch Menschen mögen. So einfach ist das. Und schon bin ich wieder in meiner Berufung: Ein Kellner, der seine Gäste liebt, wird auch von seinen Gästen geliebt. Er kann es gar nicht verhindern. Ganz im Gegenteil: Er kann sich sogar mal einige „Frechheiten“ erlauben. Genauso wie die Duisburger Delphine, die völlig überraschend zum Wasserspritz-Angriff auf uns Zuschauer geblasen haben und Max, Mathes und ich patschnass auf den eigentlich sicheren hinteren Zuschauerrängen sitzen. Super, ich bekämpfe gerade mit natürlichen Mitteln meine Erkältung und dann das. Natürlich ist man am Anfang sauer, weil durchnässt nach draußen gehen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ist nicht lustig – und erst recht nicht gesund. Und die Kamera von Mathes hatte auch vorübergehend ihren Geist aufgegeben. Doch richtig böse kann man diesen Viechern einfach nicht sein, sie sind so pfiffig, so intelligent und sooo lieb!

 

Trotzdem genießen wir diesen „stürmischen“ Samstag und ich plane mit meiner Freundin Lissy schon mein nächstes Bauprojekt. Ganz nebenbei, zwischen Nachmittagessen (Mittag- und Abendessen machen ja alle) und Gute-Nacht-Trunk. Eine Besprechung mit ihr ist wirklich anstrengend. Ich bin ein Mensch, der von seinen Ideen lebt. Sie hingegen hinterfragt alles. Jede meiner Ideen wird in ihrem Kopf auseinandergenommen. Wirklich jede Idee. Manchmal hilft da nur eine gute Flasche Schumacher-Alt, um das zu verkraften. Doch diese Vorgehensweise ist richtig so und wir kommen auch gut voran. Im Idealfall ist der Unternehmer der Zukunft eine Art Dreifaltigkeit: Auf der einen Seite kreativ, auf der anderen Seite kritisch und natürlich zuletzt auch realisierend. Nur wenige Menschen sind in allen drei Teilbereichen wirklich gut. Deshalb ist es gut, eine gute Freundin als Kritikerin zu haben und meine liebe Frau als Realisiererin. Um 23 Uhr stelle ich fest, das ich heute doch wieder vier Stunden gearbeitet habe. Und es hat Spaß gemacht zu planen, zu verwerfen, zu diskutieren und weiterzukommen. Ich freue mich auf die Zukunft, jeden Tag mehr, so soll es sein…

 

 

 

 

 

Dienstag, 11. März 2008

Nach dem gestrigen G8-Gipfel von „Ehrenberg aktiv“ (so der Arbeitstitel dieser achtköpfigen Arbeitsgruppe zur Belebung der Wirtschaft unserer kleinen Gemeinde) steht heute schon wieder eine längere Sitzung an. Aber eine, bei der es auch etwas zu Verkosten gibt: Der Annelsbacher Apfelweintag im gleichnamigen Dörfchen im Odenwald ist unter Insidern schon eine richtige Kult-Veranstaltung. Auf dem Weg dorthin nehme ich unsere hessische Apfelweinkönigin Maike I. und ihren Freund Alex, selbstständiger Journalist mit nach Südhessen. Dort angekommen, bleibt leider keine Zeit mehr für ein kräftiges Odenwälder Frühstück. Gleich geht die Podiumsdiskussion los – ich bin noch gar nicht vorbereitet und jetzt mittendrin. Aber eigentlich braucht man sich für manche Veranstaltungen nicht mehr vorzubereiten. Man weiß, was dieser oder jener sagen wird. Die sagen das nämlich schon seit mehr als 10 Jahren. Nur die meisten dieser Schwätzer tun nichts. Gar nichts. Sind aber jedes Mal bei solchen Veranstaltungen dabei. Weil es so schön ist. Und es sind immer die gleichen. Am Nachmittag stehen drei Vorträge auf dem Programm. Ich finde es immer besonders witzig, wenn Redner mit einer tollen Power-Point-Präsentation anrücken und sich mit den ersten Worten ihres Vortrags für die Präsentation entschuldigen („Es ist das erste Mal mit Power-Point, ich bitte um Nachsicht“). Dabei hätten viele Redner ohne Power-Point mehr Aussagekraft. Ich kann da meinen Referentenkollegen und Rhetoriktrainer Matthias Pöhm mit seiner Aussage „Power-Point vernichtet Wirkung“ nur unterstützen. Aber es wird nicht besser. Der nächste Referent hätte besser gar nicht geredet. Er stottert sich zu seiner Bildpräsentation, die apfelweintrinkende Rentner zeigt. Aber zum Glück haben einige Zuhörer schon den einen oder anderen Apfelwein getrunken, dann tut vieles nicht mehr so weh.

Gegen 18 Uhr ist der ganze Spuk dann endlich vorüber und jetzt soll es eine ausgiebige Apfelweinverkostung mit über 100 Spezialitäten und ein hessisches Schlemmerbüffet geben. Und dann kommt doch tatsächlich diese bezaubernde Bedienung namens Lea auf mich zu und fragt mich nach meinem Getränkewunsch. Eigentlich wollte ich sie fragen, warum sie nicht bei Heidi Klum in der Show ist, anstatt hier der grauenvollen musikalischen Darbietung von Alleinunterhalter Wilfried zuhören zu müssen. Doch ich bekomme kein Wort heraus und stelle fest, das es selbst im tiefsten Odenwald wahnsinnig attraktive junge Frauen gibt. Die wären bei Heidi Klums Klamauk wirklich wie Perlen vor die Säue geschmissen. Leas Lächeln entschädigt für einen sich dahinschleppenden Tag. Ich bin wieder da.

Alleinunterhalter Wilfried ist wirklich das, was ich seit 20 Jahren nicht mehr in meinem Laden auftreten lasse: Ein Alleinunterhalter, der wirklich nur sich selbst unterhält. Und der garantiert schon 70jährige holt wirklich alles aus seiner Rhythmus -Maschine heraus. Der ausdrucksstarke und vor allem laute Gesang übertönt jede Unterhaltung. Ich versuche mich mit ein paar Gläschen ApfelSherry ein wenig zu lockern. Und stelle fest, dass ich dafür wahrscheinlich einige Flaschen benötige. Warum macht der keine Pause? Gibt es keine Gewerkschaft für untalentierte Musiker ? Es gibt doch sonst immer alles in Deutschland. Vor allem das, was keiner braucht.

Jetzt ist es Mitternacht. Wilfried macht endlich einmal Pause. Ich beobachte ihn dabei, wie er sein Aufputschgetränk für den ganzen Abend mischt. Sie werden es nicht glauben: Er mischt sich einen tödlichen Cocktail aus ¼ Pilsbier und ¾ Mineralwasser. Mir wird fast schlecht, als ich das sehe. Ich nutze die Gelegenheit und unterhalte mich mit meinem Wirtekollegen Peter, der die ganze Veranstaltung organisiert. Doch es dauert nicht lange, dann geht Wilfried zu seinem finalen Angriff auf mein Trommelfell über. Weil wir beide uns jetzt ein wenig von den Boxen entfernt haben, schnappt sich dieser einfallsreiche Alleinunterhalter sein Schifferklavier, baut sich vor uns auf und singt irgendwas von Sachsenhausen und Apfelwein. Ich bin am Ende. Nur meine gute Kinderstube hindert mich daran, Wilfried „spielunfähig“ zu machen. Ich schnappe mir eine Bügelverschlussflasche „Hexen-Bier“ aus Peters Kühlschrank und belebe mein extra für diesen Abend gebuchtes Schmusezimmer. Ich umarme das große „I love you-Kissen“ und schlafe ganz schnell und ganz tief ein.

 

 

Mittwoch, 12. März

Wieder in der Rhön angekommen, steht am heutigen Abend die nächste „Sitzung“ auf dem Programm. Wenn das so weiter geht, bekomme ich noch einen genauso breiten Hintern wie die meisten Politiker, Abgeordneten und Minister. Denn sein früher knackiges Hinterteil setzt man sich bei vielen Sitzungen breit…

Heute geht es um den Fremdenverkehrsverein Ehrenberg. Das Ganze läuft sehr harmonisch ab, bis unser Vorsitzender eine Nachricht bis zum Schluß aufhebt, getreu dem Motto „Das Beste zum Schluß“. Denn er verliest einen Brief, der einer Konkurserklärung des Fremdenverkehrsverbandes Rhön e.V. gleichkommt. Dieser Verein ist tatsächlich in einer finanziellen Schieflage und erhöht seine Umlagen mal einfach um 40%. Schuld sind bestellte und gedruckte Wanderkarten und andere Publikationen, die nicht so schnell verkauft werden können wie angedacht. Ich habe aber nie solch eine Drucksache einmal angeboten bekommen.

Aber solch eine Misere hat ganz andere Gründe: Da werden beamtete Geschäftsführer eingestellt, die  völlig von der Außenwelt losgelöst arbeiten, bequem sind, keine Initiative zeigen und ständig Ausreden parat haben, warum es in unserer Region nicht so richtig rund läuft. Die verschwenden in der Tat keinen Gedanken daran, das es vielleicht auch an ihnen liegen könnte. Schuld sind immer die anderen. Gerade im Landratsamt Fulda sitzt ein ganz besonderes Exemplar der Gattung „touristischer Geisterfahrer“. Auf der Internationalen Trinker Börse (ITB) in Berlin ist der Geschäftsführer omnipräsent, ohne die Hausaufgaben in der Region zu machen. Das die Rhön nicht wirklich voran kommt, führt er auf das mangelnde Angebot von 4-Sterne-Häusern zurück. Und ohne diese und ohne Wellness-Hotels geht es eben nicht, so die Kernaussage! Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Da wird ein Geschäftsführer von den Leistungsträgern (also den Betrieben und den Kommunen) bezahlt – und dann kümmert er sich nicht um deren Strukturen sondern fordert hochkarätige Konkurrenz. Und die Rhön ist ein Juwel an Vielfalt von wirklich guten Landgasthöfen. Für mich ist diese gesamte Fremdenverkehrs- oder Tourismusstruktur in Deutschland ein merkwürdiger, aber scheinbar unaufhaltsamer Inzest, der längst verboten werden müsste. Man kennt sich, man macht die gleichen Fehler und schuld sind immer die Leistungsträger. So geht es nicht weiter. Doch im Gegensatz zu den immer wieder beschworenen Leistungsträgern (also die Betriebe) bekommen diese Tourismus-Diletanten immer ihr Geld. Egal ob sie gute oder schlechte Arbeit leisten. Natürlich gibt es auch welche, die einen guten Job machen.

Auch in der Rhön! Es sind aber definitiv zu wenige. Denn es ist immer noch eine beachtliche Laienspielgruppe am Werk. Und die ziehen magisch andere diplomierte Unfähige auch noch an. Und ihre Arbeitgeber – zum Beispiel die Landräte – schauen auch noch zu. Eigentlich ist Zuschauen beim Inzest auch strafbar… Dabei glaube ich, das der eine oder andere Berufspolitiker doch auch noch ein gewisses Etwas an gesundem Menschenverstand sich erhalten hat. Warum handelt er nicht und spricht eine Änderungskündigung mit Job auf der Zulassungsstelle aus? 

Ich bin echt sauer und geladen. Und sehr emotional. Ab und zu gehen mit mir mal die Schafe durch... Vielleicht denkt jetzt der eine oder andere von Ihnen, der Krenzer tickt jetzt aus und spinnt. Nein, leider nicht ganz. Noch ein Beispiel gefällig: In meiner Gemeinde Ehrenberg betrieb der ehemalige Verkehrsamtsleiter nicht nur eine eigene Pension, sondern auch seit Jahren einen gut laufenden Partyservice. Natürlich können die Kunden auch während der Öffnungszeiten des Verkehrsamtes ihre kulinarischen Bestellungen aufgeben. Das wird halt mal so geduldet. Und was machen die Wirte, die diese Menschen auch noch bezahlen müssen? Die gucken in die Röhre. Mein Kollege Peter jedenfalls ist heute Abend mächtig sauer. Das kann ich auch gut verstehen. Ich habe schon vor einiger Zeit – Gott sei Dank – meine eigene Nische aufgebaut. Um unabhängig zu sein. Auch unabhängig vom Partyservice des (ehemaligen) Verkehrsamtsleiters. Doch wer macht das schon oder wer wagt den Sprung?

Mein Handy klingelt. Meiner Frau geht es nicht gut. Senkwehen. Ich verlasse die Sitzung und gehe nach Hause. Besser ist das. Denn in ein paar Minuten haben wir unseren zweiten Hochzeitstag.

 

 

Donnerstag, 13. März

 

Unseren 2. Hochzeitstag verbringen wir im Nürnberger Schindlerhof. Zu unserer Hochzeit haben wir eine Einladung von Nicole Kobjoll bekommen. Und jetzt ist der richtige Zeitpunkt, diese einzulösen. Das Wetter spielt uns genauso übel mit wie vor zwei Jahren, als wir im Schneetreiben von München im Englischen Garten geheiratet haben. In Nürnbergs Altstadt angekommen, hat Sylvi mächtig Hunger und ich suche das Kultlokal „Bratwurst-Röslein“, was ich ihr unbedingt zeigen möchte. Doch ich habe die Orientierung verloren und bin zu feige, nach dem Weg zu fragen. Also tue ich so, als ob nichts wäre und siehe da – wir landen im Vabiano. Auch nicht schlecht. Von dem Laden habe ich schon viel gehört und gelesen. Also wird das Programm kurzerhand umgestellt und statt Bratwurst mit Sauerkraut und Schwarzbier gibt es leckere Vollkorn-Pasta mit Thunfisch und Hähnchen und dazu Sauvignon Blanc. Planung ersetzt den Zufall bekanntlich durch Irrtum. Die Pasta wird dort vor den Augen des Gastes frisch gekocht und ist richtig lecker. Sylvi fühlt sich hier sehr wohl, und das freut mich natürlich. Sie trägt im Moment eine ordentliche Kugel vor sich her. Und unser Mädel will wohl nicht bis zum 8. April warten – meine Frau übrigens auch nicht. Also doch eine Osterhäsin?

Den Stadtspaziergang am Nachmittag kürzen wir ab. Es regnet und das Baby hat wohl Schieflage. Dafür genießen wir unseren Abend im Schindlerhof. Der pochierte Lammrücken (ich kann eben nicht anders, muss überall Lamm probieren) ist richtig klasse.

 

 

Freitag, 14. März 2008

 

Ein extralanges, weil fast dreistündiges Frühstück ist so ziemlich das angenehmste, was einem am Morgen passieren kann. Nici hat uns vorher noch ein paar Tipps für die Nürnberger Altstadt-Szene gegeben und wir überlegen, ob wir noch einmal in die Stadt reinfahren. Doch es regnet in Strömen und außerdem steht heute Abend die nächste „Sitzung“ an. Die Jahreshauptversammlung der Rhöner Apfelinitiative muss auch noch ein wenig vorbereitet werden.

Diese Initiative ist irgendwie mein Baby. Seit 13 Jahren gibt es sie und sie ist die größte, pfiffigste und erfolgreichste Bio-Streuobstinitiative der Welt. Das glaube ich jedenfalls. Schließlich bin ich der Vorsitzende. Vorsitzender wird man, wenn man bei einer Gründungsversammlung eines Vereins zu weit vorne sitzt, während der langwierigen Abstimmung ganz kurz einnickt und dieses Nicken dann als Zustimmung gewertet wird. So einfach geht das. Kurzum: Ich mache diesen Job als Vorsitzender sehr gerne, obwohl ich alles andere als ein Vereinsmeier bin. Viele Jahre lang habe ich mit wechselnden Vorstandskollegen diese länderübergreifende Initiative zum Erfolg „gequält“. Wir mussten jeden förmlich überreden, im Vorstand mitzuarbeiten. Jetzt, zehn Jahre später gibt es ein paar, die ein Auge auf meinen Posten geworfen haben. Aber wahrscheinlich nur deshalb, weil ich eine attraktive Geschäftsführerin an meiner Seite habe und der Verein alles andere als arm ist. So ist das. Beim Verteilen schreien alle „hier“, beim Arbeiten ist keiner aufzutreiben. Aber wem erzähle ich das?

 

 

Dienstag, 18. März 2008

Da Sylvi heute Termin beim Arzt hat und anschließend noch den Geburtsvorbereitungskurs besuchen will (übrigens eine tolle Sache, den immer noch viel zu wenige Frauen wahrnehmen) übernehme ich den Mäxe-Dienst. So heißt bei uns folgerichtig der Kinderdienst. Man soll das Nützliche ja immer mit dem Angenehmen verbinden. Und deshalb habe ich beschlossen, heute die gerade gekaufte DVD „Ratatouille“ anzuschauen. Meine Kinder und ich freuen uns schon riesig. Vorher waren Max und ich noch bei Dietmar, unserem Dorffriseur. Denn schließlich gilt bei uns der Grundsatz: Auch im Heimkino immer bestens gestylt. Mal Spaß beiseite. Ich mag es nicht, zu Hause in unseren vier privaten Wänden wie der letzte Lump rumzulaufen. Sylvi würde sich sehr wahrscheinlich sofort wieder scheiden lassen, wenn ich mit ausgebeulten Jogginghosen, Tennissocken und abgewetztem Shirt daherkommen würde. Und umgekehrt ist es doch genauso. Wenn man sich für ein Leben zu zweit entschieden hat, und dann ab und zu auch gemeinsam zu Hause ist (was bei uns ja nicht die Regel darstellt), sollte man das auch ein wenig zelebrieren. Schließlich sind wir auch nicht mit den ältesten Klamotten zum zweiten oder drittem Date gegangen, oder?

Doch neuer Haarschnitt hin oder her, unser Kinoabend droht zu platzen. Jetzt ist es 19 Uhr, und ich kriege aus dieser neuen DVD keinen Ton heraus. Meine beiden Kinder haben eine erstaunliche Geduld. Die glauben tatsächlich, das ich dieses technische Problem noch beheben kann. Aber ich kriegs nicht hin. Nur nichts anmerken lassen. Ruhig bleiben, auch wenn du innerlich kochst. Gestern hat doch die ganze Anlage noch Ton gehabt. Warum jetzt, ausgerechnet heute Abend nicht? Wenn ich einmal im Jahr mit meinen beiden Kindern einen Kinofilm anschauen möchte! Es ist zum Durchdrehen. Ich weiß mir keinen Rat mehr. Vor lauter Verzweiflung rufe ich Sylvi auf dem Handy an. Natürlich ist die Mailbox dran. Auch die hilft mir jetzt nicht weiter. Jetzt rücken meine Kinder näher an die TV-Technik ran, weil sie ahnen, das ich überfordert bin. Doch das Problem ist nicht zu lösen und ich muss schweren Herzens Maxima und Max darauf vorbereiten, das aus dem gemeinsamen Heimkino-Abend nun definitiv nichts wird. Welch eine Blamage! Und welch eine Enttäuschung!

 

Doch da habe ich die rettende Idee. Wir können ja versuchen, die DVD auf meinen Laptop abzuspielen. Und uns an unserem gemütlichen Küchentisch mit Wolldecken und Schafsfellen einzurichten. Gesagt, getan. Es funktioniert. Der Film ist wundervoll. Ich muss Tränen lachen. Dieser Film mit der kochenden Ratte sollte Pflichtfilm in jeder Berufsschulklasse sein. Er ist nicht nur lustig, sondern transportiert sehr viel Inhalt. Und bestätigt meine Theorie von kochenden Höhlenmenschen. Auch meine Kinder sind begeistert. Max sagt: „Gut, das Papa immer noch eine Idee hat!“ Ein schöner Abend. Viel zu spät, um 21 Uhr bringe ich meine beiden Mäxe ins Bett und schreibe noch diese Zeilen…

 

 

Donnerstag, 19. März 2008

Es hat geschneit und ich fühle im Moment mehr Weihnachten als Ostern. Was meine Stimmung etwas lähmt. Wenn unsere Tochter Maxine jetzt auf die Welt kommt, dann wird ihr jeder später erzählen, das man damals, im Frühjahr 2008, die Ostereier im Schnee gesucht hat. Hoffentlich bleibt das uns und Maxine erspart. Ja, Sie haben richtig gelesen. Der Name steht schon fest: MAXINE. Denn es soll ein Mädchen werden. Und es war gar nicht so leicht, nach Maximilian (genannt Max, ausgesucht von Sylvi) und Maxima (das war meine Idee) den dritten Max-Namen zu finden.

Folgerichtig wären jetzt unsere Kinder an der Reihe. Also habe ich im Spätherbst Flipchart und Stifte ins Wohnzimmer gestellt und mit den Beiden einen kleinen Workshop veranstaltet. Alle möglichen Max-Namen habe ich aufgeschrieben und den Kindern vorgelesen. Drei Namen blieben übrig: Maximiliane, Maxelle und Maxine. Nach einigen Interventionen des Moderators haben sich meine Kinder für Maxine entschieden.

Apropos Kinder: Die katholische Kirche in Fulda tut im Moment alles, um die Geburtenrate zu steigern. Und um das Aidsrisiko in der Domstadt zu erhöhen. Denn wie ich heute meiner Tageszeitung entnehme, dürfen in einer Fuldaer Filiale der Drogeriekette Schlecker keine Kondome verkauft werden. Der Hintergrund: Das Gebäude gehört der katholischen Kirche. Es ist unglaublich, was es in Fulda so alles gibt. Oder besser gesagt: Nicht gibt! Diese Stadt wird es nie schaffen, aus dem ihrem provinziellen Schatten herauszukommen. Aber vielleicht will man das auch gar nicht…

 

 

Mittwoch, 26. März 2008

Es ist jetzt 16.40 und ich sitze mitten in der Altstadt von Schwäbisch Hall bei meinem Freund Odi und schreibe diese Zeilen. Nebenbei darf ich noch vier Kinder beaufsichtigen. Maren, Tim und meine beiden Mäxe verstehen sich prächtig und haben viel Spaß miteinander. Das ist wie bei den Großen - wenn die Chemie stimmt, dann wird man kreativ. An der Arbeit genauso wie beim Spielen. Gestern hatte ich Geburtstag und habe mich deshalb rechtzeitig mit meiner Familie in den Süden abgesetzt. Und wir sind damit in ein riesiges Schneechaos hinein geraten.

Am Nachmittag besuchten Odi und ich einen erfolgreichen Kollegen in Schwäbisch Hall, der gerade sein Hotel für einige Millionen umgebaut hat. Anschließend waren wir noch in einer (anderen) Erlebnisgastronomie ein hausgebrautes Bierchen trinken. Die Bedienung ist attraktiv und hübsch anzusehen. Ihr strenger Blick bringt sie bestimmt bald zu Lagerfeld auf den Laufsteg. Nur in der Gastronomie hat diese junge Dame nichts verloren. Wir werden fast völlig ignoriert und unser Interesse für verschiedene Biersorten hat uns bei der jungen Dame wahrscheinlich den Status von anonymen Alkoholikern eingebracht. Mein Freund Vinzenz Baldus bezeichnet diese Art der Servicemitarbeiter als "Spitzmäuse". Man findet diese extrem gut gebauten, meist blond behaarten weiblichen Exemplare oft hinter den Rezeptionstheken großer Hotels. Dort reden sie auch nie wirklich mit dir als Gast, sondern schauen immerzu in ihren Computerbildschirm. Wahrscheinlich ist dort ein Spiegel untergebracht. Die Kollegen von solchen Hotels fahren einmal im Jahr auf eine große Farm, wo diese "Spitzmäuse" gezüchtet werden. Und suchen sich dort die prächtigsten Exemplare für ihren Betrieb aus. So stirbt diese Spezies niemals aus. So habe ich es mal vor einiger Zeit meinem Sohn erzählt. Ob er es mir geglaubt hat?

Den Abend meines Geburtstages haben wir richtig genossen. Die Kinder waren bei Odi und seiner Frau Moni geparkt - und wir 2 1/2 richtig gut und authentisch essen. Ich habe mein Menü rund um das Schwäbisch-Hallische Schwein mit Vergnügen aufgegessen. Und Sylvis Lammrücken mit Mangoldgemüse war ein Gedicht. Ausgezeichnete Produkte, toller Service, wunderschönes Ambiente - das Hotel Hohenlohe ist eine richtig gute Adresse.

Da ich die Flasche Grauburgunder leider alleine trinken musste, fällt mir das Aufstehen an diesem Morgen etwas schwer. Zum Glück musste ich die Nacht nicht schon mit meiner Frau ins Klinikum ausrücken - die Wehen waren doch nicht ganz so schlimm. Mal schauen, vielleicht kommt unser drittes Kind ja tatsächlich noch in Schwäbisch Hall zur Welt...

 

 

 

Montag, 31. März 2008

Jetzt ist es 23 Uhr und ich habe gerade meinen Eintrag für den heutigen Tag geschrieben. Und auch gespeichert. Mein lieber Webmaster Moritz: Ich bin verdammt sauer. Das darf doch nicht wahr sein!!! Mein Text ist weg. Einfach verschwunden!!! Im Nirvana des World Wide Web. Den krieg ich so nie wieder zusammen! Denn mein Tagebuch ist eine ganz emotionale Sache. Und das kann (und sollte) man nicht noch einmal schreiben.

Jetzt mache ich hier noch mal eine Kurzfassung und schaue, ob das Sch...system wieder versagt.

Also...

Sonntag: Radtour mit Max - Milseburgradweg - Bionade bis zum Abwinken, anschliessend noch Pizza

Sonntag: 40 Minuten zur Zeitumstellung meiner Polar-Uhr benötigt - Datum für Marathon eingegeben: noch 48 Tage - Fitnesszustand suboptimal - auch das sagt die schlaue Uhr...

Montag: Bärlauch-Tour - wieder mit Max - im Schnee Bärlauch suchen - hat trotzdem Spaß gemacht

und bedankt habe ich mich bei den vielen Lesern meines Tagebuchs und einen netten Satz zum Thema Erfolg hatte ich noch formuliert. Nach meinem heutigen Mißerfolg brauch ich nicht über Erfolg zu reden...

...und gefreut habe ich mich auf ein Butterbrot mit gaaanz frischem Bärlauch. Und das esse ich jetzt trotzdem. Aus Trotz!

Schade, ich verstehe das nicht. Noch vor 8 Jahren hätte ich jetzt den Rechner zertrümmert. Aber jetzt habe ich Kinder. Und die machen all das, was ich auch mache. Also bleibt der Rechner ganz. Aber Moritz, du rufst mich morgen zurück, das kann doch nicht wahr sein. Das ist mir nämlich schon mal passiert...

Fortsetzung folgt auf der Seite April - Juni...

 

 

 


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